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Die vergessenen Opfer von Gladbeck & Co

Die Menschen befassen sich gern mit dem Schicksal von Opfern, gleich ob von #Verbrechen, #Katastrophen, Unglücken oder gesellschaftlichem Fehlverhalten. Ein Beispiel dafür ist Ines Falk. Von ihr war in dieser Woche wieder die Rede im #ARD-Zweiteiler „Gladbeck“. Ich selbst habe darüber in meinem Sachbuch „Opfer! Das Leben nach dem Überleben“ bereits 1994 berichtet. Damals habe ich eine Bestandsaufnahme über die vergessenen Opfer von Verbrechen in Deutschland gemacht. Unterstützt wurde ich unter anderem vom „Weissen Ring“.

Die Bremerin Ines Falk war mit Silke Bischoff befreundet, die 1988 beim Gladbecker Geiseldrama im letzten Gefecht zwischen #Polizei und Tätern erschossen worden war. Beide Mädchen waren von den Tätern, Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, als Geiseln genommen und mit vorgehaltener Pistole quer durch die Republik gefahren worden.

Geiselnahme statt gemütlicher Abend

Ines Falk sitzt zusammen mit Silke im Fluchtfahrzeug der Täter, als das auf der Autobahn von der Polizei gestoppt wird und sich eine Schießerei zwischen den Beamten und den Gangstern entwickelt. Silke Bischoff stirbt. Für Ines Falk bedeutet der Verlust der Freundin damals „das schlimmste, was geschehen ist; als die Schüsse gefallen sind und die Lage so aussichtslos aussah, wo man halt dachte, da kommt man nicht mehr raus. Solche Sachen, die vergißt man nicht so schnell.“

Ines Falk lernt damals den Beruf einer Verkäuferin in einem Zooladen in Bremen. Am Tag der Geiselnahme will sie sich zusammen mit ihrer Freundin Silke, die sie schon seit dem siebten Lebensjahr kennt, einen gemütlichen Abend machen und sich gemeinsam einen Videofilm ansehen. Silke holt sie von der Arbeitsstelle ab, sie steigen in einen Bus – und werden plötzlich mit Gewalt und Geiselnahme konfrontiert.

Nur nicht hysterisch werden

Ines Falk berichtet später: „Am Anfang haben Silke und ich diese Situation nicht richtig wahrgenommen, muß ich ganz ehrlich sagen. Wir haben zwar gedacht, gut, da sind jetzt welche, die bedrohen uns mit Waffen. Wir wußten aber nicht genau, ob die nun jetzt auch wieder rausgehen aus dem Bus oder ob die uns tatsächlich mitnehmen. Das war so der Anfangsgedanke: Was wollen die überhaupt hier drin? Richtig Angst bekommen haben wir eigentlich erst nach der Ermordung des kleinen Emanuelle. Da wußten wir, das es sehr ernst war. Wir haben uns dann gedacht, daß wir eher freundlich und nicht hysterisch werden und uns tatsächlich noch mit denen unterhalten, damit uns nichts passiert.“

Silke stirbt. Ines überlebt. Die Zeit nach der Geiselnahme, die Tage wieder daheim in Bremen, verbringt Ines Falk fast nur zuhause: „Meine Familie hat richtig gut reagiert. Sie haben mich ziemlich abgekapselt von Reportern und dem Drumherum, was alles geschah. Ich habe zwei Wochen nicht gearbeitet und dann fiel mir irgendwie die Decke auf den Kopf. Ich wollte mein altes Leben wieder anfangen, und bin dann halt auch wieder arbeiten gegangen. Auf der Arbeit haben mich natürlich die Kunden darauf angesprochen, und zum Anfang war es ziemlich schwierig, darüber zu reden. Aber so lange sie die Erschießung und das von Silke nicht erwähnt haben, ging es eigentlich.“

Die Familie half ganz besonders

Zunächst hilft die Familie, die schlimmen Erfahrungen zu vergessen, dann – so erzählt Ines damals – „mein jetziger Mann, mit dem ich damals schon befreundet war. Die haben mir also sehr viel dabei geholfen. Mein Hausarzt hat viel dazu beigetragen, daß ich wieder ein bißchen Boden unter den Füßen gekriegt habe. Er hat auch gemeint, daß ich zum Psychiater gehen sollte. Aber ich fühlte mich irgendwie noch nicht im Stande, mich Fremden so zu öffnen, wie ich das in meiner Familie konnte. Bei meiner Familie konnte ich weinen, konnte mich so geben, wie ich war. Ich konnte das irgendwie nicht, zum Psychologen gehen.“

Ines Falk, so erzählte sie, hat damals nur eins gewollt: „Ich habe mir gewünscht, mein altes Leben wieder zurückzuhaben, so wie es vorher war. Und das habe ich dann auch krampfhaft versucht und habe aber dadurch auch das Reden ziemlich oft vergessen, obwohl es besser gewesen wäre. Und irgendwie wollte ich auch den anderen Leuten damit nicht andauernd auf die Nerven gehen.“

Vor Gericht ein seelisches Aufbrausen

Ines Falk heiratet, bekommt ein Kind, versucht sich in einem Familienleben zurechtzufinden. Dann, nach zwei Jahren findet der Prozess gegen die Geiselnehmer statt. Für das Opfer bedeutet das alles „irgendwie noch mal das gleiche erleben wie damals, nur daß es nicht mit Schießerei und mit Tod zu tun hat. Es ist halt das seelische Aufbrausen und die Täter wieder sehen und da alleine zu sitzen“. Die alten Wunden werden erbarmungslos aufgerissen. Im Gerichtssaal, wo sie die Hauptzeugin der Anklage ist.

In den #Medien wird das Geiseldrama wieder in allen Einzelheiten geschildert. Und es wird über ein ganz anderes Opfer namens Ines Falk, inzwischen als Ines Voitle verheiratet, berichtet. Die „Neue Rhein/Ruhr Zeitung“ schreibt empört über die „vergessenen Opfer der Gewalt“: „Die Geisel Ines Voitle, Silke Bischoffs beste Freundin, bekam Weinkrämpfe als ein Rösner-Verteidiger die ängstliche, verstörte, stockende junge Frau auseinandernahm: ‚Ich sehe mich außerstande, auch noch ihrer Gesichtsmimik hinterherzulaufen!‘ Ines Voitle sah sich trotz einer Psychotherapie außerstande, auch nur eine Nacht ohne Alpträume zu schlafen.“

Prominente der Opfer-Szene

Geiselnahme ist eine besonders grausame Variante des Opfer-Daseins. Und Geisel-Opfer wie Ines Falk werden, einmal in den Klauen der Täter, fast immer automatisch auch zu Prominenten der „Opfer-Szene“. Das ist dann manchmal doppelter Schmerz: Diese Menschen erleiden nicht nur Schaden an Leib und Seele während des Geschehens, sie müssen nicht nur die Tat selbst verarbeiten, sondern vielfach auch noch mit einem Presse-Echo fertigwerden, das hart in ihr Privatleben eingreift. Leider trägt dazu auch die Ausstrahlung der Verfilmung des Geiseldramas von Gladbeck bei.

(Zeitgleich veröffentlicht in meinem Freitags-Blog „Auf einen Cappuccino“ im Wirtschaftsportal Business-on.de