„Offener Brief“
an den Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Dr. Stephan Keller
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller,
vielen Dank – ganz ernsthaft! Dank Ihnen und Ihren genialen Verkehrsplanern in der Stadtverwaltung hat Düsseldorf ab kommenden Freitagabend ein neues Highlight: Dieser Abend wird als „Super-Stau-Freitag“ in die Düsseldorfer Stadtgeschichte eingehen!
Die „Größte Kirmes am Rhein“ ist mit Hunderten Schausteller-Attraktionen ohnehin schon ein Besuchermagnet – doch am Freitagabend wird sie mit einem bombastischen Feuerwerk und einer exklusiven, deutschlandweit einmaligen Drohnenshow noch spektakulärer in Szene gesetzt.
Angesichts dieser besonderen Programmhöhepunkte ist davon auszugehen, dass in diesem Jahr deutlich mehr als die prognostizierten vier Millionen Besucher die Kirmes besuchen werden – vielleicht wird sogar die Fünf-Millionen-Marke geknackt.
Eine Großstadt im Super-Stau
Doch das hat seinen Preis: Dank der geballten Veranstaltungs-Highlights wird Düsseldorf – insbesondere Oberkassel – am Freitagabend erneut im Verkehrschaos versinken. Ein Super-Stau-Freitag, wie es ihn seit Bestehen der Oberkasseler Kirmes nicht gegeben hat.
Die im Vorfeld getroffenen Mini-Maßnahmen, etwa das Sperren weiterer Straßen durch Poller für ortsfremde Fahrzeuge, werden diesen historischen Stau nicht verhindern – sondern eher noch verstärken. Das hat sich bereits bei der „Generalprobe“ mit Drohnenshow am vergangenen Samstagabend gezeigt.
Kein Parkplatz für Ortsfremde
Der zentrale Bereich von Oberkassel ist mittlerweile so durch Poller abgeriegelt, dass ortsfremde Autofahrer mit Sicherheit keinen Parkplatz mehr finden werden. Diese Maßnahmen mögen auf den ersten Blick nach erstklassiger Aktivität der Stadtverwaltung aussehen – einen nennenswerten Beitrag zur Verkehrslenkung leisten sie nicht.
Statt eine umfassende Sperrung des Stadtteils zu veranlassen, schickt die Stadt weiterhin Hunderttausende ortsunkundige Autofahrer in einen vorprogrammierten Verkehrsinfarkt.
Keine Verkehrsstruktur für Großevents
Es wird leider von Ihnen und den Stadtplanern seit Jahren ignoriert, dass die Straßenstruktur in Oberkassel und der Düsseldorfer Innenstadt nicht für Großveranstaltungen mit Hunderttausend Pkw ausgelegt ist.
Auch Themen wie Klimawandel, Klimaschutz, Lärmemissionen, Feinstaub und die damit verbundenen gesundheitlichen Belastungen – insbesondere für Kinder – scheinen bei Ihrer ganz persönlichen Kommunikation zur Kirmes keine Rolle zu spielen.
Stattdessen wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen – und keinen Klimawandel.
Zwei einfache Maßnahmen würden helfen
Dabei gäbe es einfache und effektive Möglichkeiten, die schlimmsten Staus wenigstens in Teilbereichen Oberkassels abzumildern. Bereits am vergangenen Wochenende habe ich Ihnen dazu geschrieben. Zwei konkrete Vorschläge:
1. Sperrung der Autobahnausfahrt „Oberkassel“
Die Ausfahrt „Oberkassel“ auf der A52 direkt vor dem Oberkasseler Rheintunnel sollte gesperrt werden. Allein über diese Zufahrt wurden am vergangenen Drohnenshow-Samstag stundenlang tausende Fahrzeuge zusätzlich direkt in den Verkehrskollaps auf die Düsseldorfer Straße gelenkt.
Das bedeutete konkret eine wirklich irrsinnige Verkehrslenkung: Ein Autofahrer aus dem Umland wird kurz vor dem Rheinufer-Tunnel zur Rheinkniebrücke an der Abfahrt „Oberkassel“ in den vierspurigen Pkw-Stau auf der Düsseldorfer Straße gelenkt. Diese vierspurige wird kurz darauf zu einer einspurigen Düsseldorfer Straße.
Hier fährt der ortsunkundige Autofahrer dann geschätzt rund 2 Stunden im Stau mit – ohne die Möglichkeit zu haben, unterwegs zu parken. Am Ende der Düsseldorfer Straße an der Kirmes wird er wieder auf die Auffahrt zur Rheinkniebrücke kurz hinter dem Rheinufer-Tunnel gelenkt.
Der Autofahrer hat mit dieser unsinnigen Stau-Fahrt also lediglich den Rheinufer-Tunnel in Oberkassel „umfahren“. Und anschließend landet der Autofahrer in den Verkehrsstaus der Innenstadt auf der anderen Rheinseite.
2. Sperrung der Düsseldorfer Straße für Pkw
Die Düsseldorfer Straße sollte idealerweise schon ab Höhe des neuen Rheinbads für den Individualverkehr in Richtung Kirmes gesperrt und der Verkehr frühzeitig in weniger belastete Stadtteile zurückgeführt oder auf die Autobahn umgeleitet werden. Da dies unterblieb, wurden erneut tausende Fahrzeuge in Richtung Kirmes gelenkt – obwohl im Inneren von Oberkassel ohnehin keine Parkplätze zur Verfügung standen. Am Ende der Düsseldorfer Straße in Höhe der Kirmes wurden die Autos wieder auf die Rheinkniebrücke Richtung Innenstadt umgeleitet.
Sperrmaßnahmen als Bürokratie-Marathon
Doch Sie und Ihre Verwaltung tun so, als sei kurzfristiges Handeln in solchen Fällen unmöglich. In der Stellungnahme Ihres Verkehrsmanagements von Dienstag dieser Woche an mich heißt es:
„Gerne nehme ich Ihren Vorschlag auf, alles grundsätzlich dicht zu machen, und leite ihn an die unterschiedlichen Dienststellen der Stadt weiter. Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass eine solche Maßnahme nicht allein durch die Straßenverkehrsbehörde entschieden werden kann, sondern auch Dienststellen wie Feuerwehr, Ordnungsamt und Polizei ein gewisses Mitspracherecht als Gefahrenabwehrbehörden eingeräumt werden muss. Auch die Bezirksvertretung und u. U. weitere politische Gremien wären für ein positives Votum zur Durchführung einer solchen Maßnahme zu beteiligen. Unabhängig davon muss zunächst geprüft werden, unter welchen Voraussetzungen eine solche Maßnahme durchführbar ist und ob die Verhältnismäßigkeit im Verhältnis zum Nutzen gegeben ist.“
Diese juristisch-bürokratisch klingende Positionierung vermittelt vorrangig eines: Die Düsseldorfer Verkehrslenker stehen den Verkehrsstaus ohnmächtig gegenüber.
Polizeipräsidentin lässt OB im Stau allein
Die neue Düsseldorfer Polizeipräsidentin Miriam Brauns scheint sich, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, angesichts des von Ihnen angerichteten, unüberschaubaren Verkehrschaos in der Landeshauptstadt wegzuducken und Sie allein in den Staus stehen zu lassen. Sie ist neu im Düsseldorfer Polizeipräsidium und hat vielleicht so ein Stau-Gewurschtel noch nie erlebt.
Meine Anfrage an Ihre Pressestelle am Montag jedenfalls wurde bis heute nicht beantwortet. Dagegen mussten geschätzt Hundertschaften Polizist*innen bei der vergeblichen Verkehrsregulierung in den Abgasen der Verkehrsstaus ihren Kopf hinhalten.
Verkehrschaos als Marketingstrategie?
Ich frage mich allerdings: Könnte es sein, dass Sie und Ihre Kommunikationsberater die riesigen Staus sogar als PR-Erfolg betrachten? Schließlich zeigen Sie damit der ganzen Nation: Diese Kirmes muss groß sein – sogar zu groß für Düsseldorf.
Ohne „Super-Staus“ könnte natürlich der Eindruck entstehen, dass es sich bei der Kirmes nur um eine weitere lokale Veranstaltung handelt – und nicht um ein Ereignis von nationaler Bedeutung.
Kirmes wichtig wie der Kölner Dom
Mit Ihrer cleveren Stau-PR positionieren Sie die Kirmes auf Augenhöhe mit den großen Wahrzeichen der Republik. Was für Köln der Dom ist für Düsseldorf die Kirmes.
Hunderttausende verärgerte Pendler*innen und Anwohner*innen werden Ihnen das sicher gerne bestätigen.
Denkanstöße für OB und Politik
Für weitere Denkanstöße empfehle ich Ihnen und Ihren Politkollegen meine aktuelle Kolumne im Blog „Nachrichten vom Zustand des Landes“, erschienen am Dienstag.
Herzlichst Peter Jamin, Schriftsteller
Hintergrundberichte zu meinem Spezialgebiet „Vermisste Menschen und die Situation ihrer Angehörigen“ im Experts Circle von Focus-online.
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Foto Kirmesstau: Jamin
Jamin-Porträt: FYEO