Früher war die Weltmeisterschaft ein exklusiver Club. So eine Art Davos-Gipfel des Fußballs, nur mit mehr Schweiß und weniger PowerPoint. Man kannte sich, man blieb unter sich, und wenn doch mal ein Exot auftauchte, dann vor allem, damit jemand da war, gegen den man standesgemäß 4:0 gewinnen konnte.
Dann kam Gianni Infantino, der FIFA-Präsident, und dachte sich offenbar: Was wäre, wenn wir das Ganze einfach komplett eskalieren lassen?
Ein kollektives Seufzen
Mehr Teams, mehr Spiele, mehr Fahnen, mehr Hymnen – kurz: mehr von allem. 48 Mannschaften ab 2026. Das ist nicht mehr Turnier, das ist ein globaler Dauerzustand. Und plötzlich stehen da nicht nur Brasilien, Frankreich und Deutschland auf dem Platz, sondern auch Länder wie Usbekistan, Jordanien, Sambia oder Trinidad und Tobago, die früher bestenfalls in Qualifikationsstatistiken vorkamen.
Die negative Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Zu viele Mannschaften! Zu viel Mittelmaß! Zu wenig Qualität! Man hörte förmlich das kollektive Seufzen derjenigen, die ihre Gruppenphase gern als gepflegte Einladung der üblichen Verdächtigen verstanden: Europa plus Südamerika, garniert mit einem Pflichtsieg gegen den Rest der Welt.
Jetzt ist der „Rest der Welt“ plötzlich selbst da. Und nimmt Platz.

Große Bühne für Kleine
Natürlich wird es Spiele geben, in denen Frankreich gegen ein kleineres Team wie, sagen wir, Oman oder Bolivien aufläuft und die Rollen klar verteilt sind. Aber seien wir ehrlich: Solche Spiele gab es schon immer. Man erinnere sich an Brasilien gegen Haiti 1974 oder Deutschland gegen Saudi-Arabien 2002. Das Neue ist nicht die Einseitigkeit – das Neue ist, wer überhaupt mitspielen darf.
Und genau da beginnt es interessant zu werden. Denn wenn ein Land wie Georgien, Panama oder Kap Verde auf der größten Bühne steht, passiert etwas, das sich nicht in Marktwerten messen lässt. Ein Tor für diese Mannschaft ist kein Zwischenstand, es ist ein nationales Ereignis. Da stehen keine austauschbaren Millionäre auf dem Platz, da stehen Geschichten.
Fast schon revolutionär
Das ist der Moment, in dem Fußball wieder das wird, was er immer behauptet zu sein: global. Nicht nur als Marketingbegriff, sondern als Realität. Wenn die FIFA schon Weltverband heißt, ist es fast schon revolutionär, dass jetzt tatsächlich mehr Welt teilnimmt.
Natürlich kann man argumentieren, dass Infantino das nicht aus purer Menschenfreundlichkeit tut. Mehr Teams bedeuten mehr Spiele, mehr Fernsehrechte, mehr Einnahmen. Ticketpreise von mehr als 1000 $ zeugen ebenso von den maßlosen Attitüden des FIFA-Präsidenten wie der WM-Friedenspreis für Donald Trump.
Ein charmantes Ergebnis
Dazu entpuppt sich die WM als TV-Dauerwerbesendung mit angeschlossenem Fußballturnier. Aber es ist eine dieser seltenen Situationen, in denen selbst ein sehr geschäftstüchtiges Motiv zu einem überraschend charmanten Ergebnis führt.
Denn plötzlich ist da wieder Unordnung im System. Ein Außenseiter, der einen Favoriten ärgert. Ein Land, das zum ersten Mal seine Nationalhymne bei einer WM hört und feststellt, dass das gar nicht so schlecht klingt. Und Zuschauer, die sich dabei ertappen, wie sie für Mannschaften fiebern, von denen sie vor zwei Wochen noch nicht einmal wussten, wo sie auf der Karte liegen.
Fußball wieder echter
Die alte WM war wie ein perfekt einstudiertes Theaterstück. Brasilien, Deutschland, Italien – erste Reihe, immer ausverkauft. Die neue WM ist eher ein Straßenfest, bei dem plötzlich auch Leute aus Neukaledonien, Honduras oder Namibia mitfeiern. Nicht alles ist brillant, manches ist schief, aber langweilig ist es ganz sicher nicht.
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Dass ausgerechnet die Aufblähung eines Turniers dazu führt, dass es sich wieder echter anfühlt. Weniger geschniegelt, weniger vorhersehbar – und dafür ein bisschen näher an der Idee, dass Fußball tatsächlich allen gehört.
Selten war Größenwahn so unterhaltsam.

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