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Auch wenn AfD-Chefin Alice Weidel die Politiker anderer Parteien als „Flachzangen“ anpöbelt: Danke an alle Politikerinnen und Politiker der demokratischen Parteien!

Ja, auch ich klage in dieser Kolumne, den „Nachrichten vom Zustand des Landes“, gelegentlich über die Arbeit von Politikerinnen und Politikern. Mal bin ich mit Entscheidungen unzufrieden. Ein anderes Mal wünsche ich mir, dass etwas schneller geht.

Heute möchte ich einmal über das Leben von Politikerinnen und Politikern schreiben. Und vor allem: Danke sagen! Danke sagen den Politikerinnen und Politikern in den Kommunen, den Bundesländern, im Bundestag und in der Bundesregierung und in Europa. Für die Arbeit, die sie leisten.

Danke den Hunderttausenden Politikern

Es gibt von Ihnen mehr, als man sich vorstellen kann. Mehr als 200.000 Menschen tragen in Deutschland politische Verantwortung — überwiegend nicht in Berlin, sondern ehrenamtlich in Städten, Gemeinden und Kreisen. Sie entscheiden über Schulen, Straßen, Sportplätze, Kultur, Pflege, Verkehr und das tägliche Zusammenleben vor unserer Haustür. 

Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es fast 17.000 Rats- und Kreistagsmitglieder. Rechnet man sachkundige Bürgerinnen und Bürger hinzu, tragen dort mehr als 20.000 Ehrenamtliche die Kommunalpolitik mit.

Danke für starke ehrenamtliche Arbeit

Kaum jemand, der nicht selbst einen wirklichen Einblick in das politische Leben hat, kann sich vorstellen, was Politikerinnen und Politiker alles leisten müssen. Am Anfang einer politischen Karriere, etwa in einem Bezirksausschuss oder später als Ratsmitglied, steht meist ehrenamtliche Arbeit. Gut, es gibt Sitzungsgeld und gelegentlich ein wenig Anerkennung von Bürgerinnen und Bürgern. Das war es dann aber auch schon.

Die Beschäftigung mit den Themen einer Gemeinde oder einer Großstadt wie Düsseldorf ist umfangreich. Treffen mit Bürgerinnen und Bürgern, Diskussionen mit Initiativen, Gespräche mit Unternehmen, das Lesen dicker Vorlagen der Stadtverwaltung, Sitzungen aller Art — und immer der Druck, möglichst das Richtige zu tun.

Danke für unzählige wichtige Entscheidungen

Dabei kann man es niemals allen recht machen. Das ist wohl das Teuflische an einem Politikerleben. Wenn ein Fahrradweg initiiert und später gebaut wird, jubeln Radfahrer und manche Fußgänger. Viele Autofahrer aber stöhnen über die neue Einrichtung.

Wenn Geld in die Renovierung einer Schule investiert wird und dann für eine andere Schule nicht mehr genug vorhanden ist, bleiben Kritiker zurück. Immer. Dazu kommt das allgemeine Desinteresse an der täglichen Arbeit von Politikerinnen und Politikern — wohlgemerkt: häufig ehrenamtlicher Arbeit.

Danke für Millionen endlos lange Sitzungen

Nur wenige Bürgerinnen und Bürger besuchen Ausschusssitzungen. Noch weniger kommen zu den Sitzungen des Stadtrates. Man liest ein wenig über gefasste Beschlüsse in der Tageszeitung oder in sozialen Medien und vergisst oft schnell wieder, was dort eigentlich entschieden wurde.

Dabei sind die Sitzungen oft endlos lang. Nur die Debatten im Bundestag werden regelmäßig im Fernsehen, etwa bei Phoenix, übertragen. Die meiste Arbeit, die Politikerinnen und Politiker leisten, wird von der Öffentlichkeit nie wahrgenommen.

Danke für viele Fortschritte in unserer Gesellschaft

Deshalb noch einmal: herzlichen Dank an alle, die sich für unser Gemeinwesen einsetzen. Durch ihre Arbeit entwickelt sich unsere Gesellschaft weiter. Nur durch ihre Arbeit — und natürlich durch die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Behörden — kann eine Gesellschaft bestehen und Fortschritte machen.

Etwas komfortabler haben es die Mitglieder von Landtagen und Bundestag. Sie erhalten eine angemessene Bezahlung für ihren Beruf. Wobei sich sofort die Frage stellt: Was bedeutet eigentlich angemessen?

Danke für Wochenend- und Feierabend-Arbeit

Ich hatte über viele Jahre privaten Einblick in die Arbeit eines Bundestagsabgeordneten. Ich möchte mit diesen Menschen nicht tauschen. Manche von ihnen dürften, wenn man ihre Bezahlung auf die tatsächlich geleisteten Stunden umrechnet, kaum mehr als den Mindestlohn verdienen.

Bedenken wir einmal den Aufwand für einen Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen. Da sind die Sitzungswochen in Berlin, die Arbeit im Büro, Gespräche, Abstimmungen und Termine. Dann muss er regelmäßig von Berlin zurück zu seiner Familie fahren — möglicherweise 500 oder 600 Kilometer weit. Meist jede Woche, zum Wochenende.

Danke für viele Millionen Treffen mit Bürger*innen

Dort warten allerdings nicht nur Kinder, Hund und Ehefrau oder Ehemann. Dort wartet auch ein oft großer Wahlkreis. Die Menschen, die ihn gewählt haben — und ebenso jene, die es nicht getan haben — erwarten, dass der Abgeordnete an wichtigen Ereignissen teilnimmt: an Schützenfesten, Trauerfeiern, Parteiveranstaltungen, Unternehmensbesuchen, Gewerkschaftstagungen oder Veranstaltungen von Industrie- und Interessenverbänden.

Für manchen Bundestagsabgeordneten sind die Wochenenden arbeitsreicher als die Tage zwischen den Sitzungswochen – und auch dort warten die Kritiker.

Danke für das Ertragen von vielfachen Undanks

Ich erinnere mich an eine Situation: Ein Bundestagsabgeordneter saß an einem Sonntagmorgen mit seiner Familie beim Frühstück. Die Lokalzeitung veröffentlichte ein Foto davon. Als die Geschichte am Montag in der Zeitung stand, klingelte ein Landwirt an der Tür. Er beschwerte sich darüber, dass auf dem Frühstückstisch Margarine statt guter Butter gestanden habe. Das sei negative Werbung für die Bauern der Region.

Man kann sich solche Geschichten kaum ausdenken.

Danke, dass Sie tausendfache AfD-Hetze aushalten

Mit dem Aufstieg der AfD ist die Kritik an Politikerinnen und Politikern und den demokratischen Parteien in den vergangenen Jahren noch einmal lauter und aggressiver geworden. 

Die im primitiven Wortschatz geübte AfD-Chefin, Alice Weidel, pöbelte im ZDF-Sommerinterview über Politiker: „Flachzangen, die da oben sitzen“. Danke an alle Politiker der demokratischen Parteien.
Die im primitiven Wortschatz geübte AfD-Chefin, Alice Weidel, pöbelte im ZDF-Sommerinterview über Politiker: „Flachzangen, die da oben sitzen“. Danke an alle Politiker der demokratischen Parteien.

Gerade erst pöbelte die im primitiven Wortschatz geübte AfD-Chefin, Alice Weidel, im ZDF-Sommerinterview über Regierungspolitiker wie Bundeskanzler Merz oder Vizekanzler Klingbeil als „Flachzangen, die da oben sitzen“. 

Kritik gehört zur Demokratie. Sie ist notwendig. Aber Hetze ist keine Kritik.

Danke trotzdem an einige wenige  AfD-Politiker

Einige Beispiele aus der AfD-Normalo-Sprache: „Die da oben“, „Volksfeinde“, „Verräter“, „Politikerpack“, „Systemparteien“, „Blockparteien“, „Stück Scheiße“, „Geisteskranke“, „Linksversiffter Lappen“, „linkskrank“, „Abschaum“ oder „Idiot“.

AfD-Hetze gegen Politiker demokratischer Parteien.
AfD-Hetze gegen Politiker demokratischer Parteien.

Ein Danke trotzdem an jene Politiker und Politikerinnen in der AfD, die nicht zu den Hetzern und nicht zu den Rechtsextremen in dieser Partei gehören – aber leider marschieren Sie mit diesen Seit’ an Seit’ gen Undemokratie. Und leider gibt es von diesen seit einigen Jahren zu wenige in der AfD.

Danke für das Opfern von Privatleben

Darum mein Appell an alle Bürgerinnen und Bürger im Land: Glauben Sie der Hetze der AfD nicht und vor allem – hetzen Sie nicht selbst gegen Politikerinnen und Politiker. 

Die allermeisten wollen das Beste für ihr Dorf, ihre Stadt, ihr Bundesland und unser Land. Dafür opfern sie viel Zeit und oft noch mehr Privatleben. Dass dabei gelegentlich Fehler passieren, gehört dazu. Fehler machen wir alle.

Danke auch ohne einen „Tag der Politikerinnen“

Eigentlich müsste es einen „Tag der Politikerinnen und Politiker“ für dieses grosse Heer der engagierten Politikerinnen und Politiker geben. Denn sie gehören, neben vielen anderen wie etwa den Engagierten in Vereinen, sozialen Einrichtungen, Kirchen, Initiativen und anderen Organisationen, zu den wichtigsten Menschen in einer Demokratie.

Hören wir also nicht auf die Hetze über Politikerinnen und Politiker. Sagen wir heute einmal ganz einfach:

Danke für Ihre Arbeit.

AfD-Hetze gegen Politiker demokratischer Parteien.
AfD-Hetze gegen Politiker demokratischer Parteien.

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Fotoporträt Jamin: Fyeo

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