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Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) ist keine Gewerkschaft mehr – ein Weckruf

Als die Schriftstellerinnen und Schriftsteller um Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser und ihren Gründungsvorsitzenden Dieter Lattmann 1969 in Köln den Verband deutscher Schriftsteller (VS) aus der Taufe hoben, formulierten sie ein klares Ziel: das Ende der Bescheidenheit.

Damit machten die Autor*innen deutlich, dass sie nicht länger bereit waren, sich mit den Almosen der Kulturgesellschaft abzufinden und ihre Bücher und Texte unter Wert an Verlage, Medien und Kulturinstitutionen zu verkaufen. Auch ich schloss mich damals dem VS an.

Bessere Rechte und faire Vergütungen

Der VS wurde gegründet, um die beruflichen und wirtschaftlichen Interessen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu vertreten – für bessere Rechte gegenüber Verlagen, gerechte Urheberregelungen, faire Vergütung und eine stärkere gemeinsame Stimme in der Öffentlichkeit. Zugleich verstand sich der Verband als Teil der gewerkschaftlichen Bewegung innerhalb der Kulturlandschaft.

Was aus dem Verband deutscher Schriftsteller geworden ist – heute mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di vereint – zeigt sich exemplarisch in einer aktuellen Ausschreibung des VS NRW anlässlich des Gedenkens an die Dichterin Ingeborg Bachmann.

Eine zeitintensive, anspruchsvolle Arbeit

In einem Rundschreiben des NRW-Vorstands heißt es:  „Aus diesem Anlass startet der VS NRW eine Ausschreibung für literarische Kurzprosa, die sich mit Bachmanns Leben, Werk oder dem Motiv ‚Jemand, der ich einmal war‘ beschäftigt. Eingeladen sind Autorinnen und Autoren mit Wohnsitz in Nordrhein‑Westfalen.“

Gefordert wird ein Prosatext von bis zu 5000 Zeichen – eine anspruchsvolle, zeitintensive Arbeit. Die meisten Autoren werden leer ausgehen. Die Ausschreibung 

sieht für drei Autor*innen als „Auszeichnung“ lediglich Folgendes vor:

50 EUR – ein symbolisches Honorar!

50 € Honorar! Diese „Prämierung“ ist nicht nur einer Gewerkschaft unwürdig, sie ist eine offene Kapitulation vor den Zielen der Gründer des Schriftstellerverbandes.  

„Das Ende der Bescheidenheit“ sollte einst erreichen, dass Verlage und Kulturbetriebe nicht länger Almosen zahlen, sondern angemessene Honorare für Romane, Essays, Gedichte und Sachbücher oder für Kulturleistungen wie Lesungen oder Preisvergaben leisten. 

Ein Ergebnis dieser Arbeit war u. a. die Gründung der „Künstlersozialkasse“ – bis heute ein herausragendes Beispiel für das gesellschaftliche Engagement zugunsten von Künstlerinnen und Künstlern.

Symbolisches Zeilengeld von 25 Cent

Rechnet man das „symbolische Honorar“ um, ergibt sich ein symbolisches Zeilengeld von etwa 25 Cent – das hat nicht einmal das Niveau einer Tageszeitungshonorierung. Würde ein Kulturmagazin solch einen Betrag für einen literarisch anspruchsvollen Text zahlen, wäre der Protest der Gewerkschaften berechtigt und laut. Kein Journalist mit Selbstachtung würde dafür arbeiten.

500 EUR Honorar fordert etwa der Verband deutscher Schriftsteller für Lesungen. Er selbst will für das Schreiben eines anspruchsvollen Prosatextes von 5000 Zeichen ein Zehntel davon bezahlen.

Dass ausgerechnet eine Gewerkschaft ihren eigenen Mitgliedern zumutet, für 50 EUR kulturell wertvolle Prosatexte zu schreiben, ist nicht das „Ende der Bescheidenheit“ – es ist die Totalkapitulation des Verbandes Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) vor seinen eigenen Ansprüchen.

Kritik an der Gewerkschaft der Schriftsteller
500 EUR Lesehonorar fordert der Verband deutscher Schriftsteller
. Er selbst will für das Schreiben eines anspruchsvollen Prosatextes
von 5000 Zeichen ein Zehntel davon bezahlen.

VS ist zum Stammtisch verkommen

Wer selbst derart niedrige Maßstäbe bei der Honorierung anlegt, hat in Verhandlungen mit Verlagen und Kulturinstitutionen jede Glaubwürdigkeit verloren. Möglicherweise stehen aus diesem Grund schon seit Jahren die Honorierungen für Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht mehr wirklich auf der Tagesordnung des Verbandes. Freiberufliche Autor*innen verdienen in der Regel weniger als den Mindestlohn.

Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) ist damit keine Gewerkschaft mehr – er ist zum Stammtisch verkommen, einer Runde ohne Relevanz und ohne Anspruch auf gewerkschaftliche Existenzberechtigung.

Ohne jede Spur
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Quellen

Foto Peter Jamin mit einer Auswahl seiner Bücher: Wolfgang Sohn

Screenshots Seiten des VS zu Honoraren: Jamin

Fotoporträt Jamin: Fyeo

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