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Exklusiver, kostenloser Buch-Abdruck: Die ganze Wahrheit über den Düsseldorfer Handke-Heine-Preis-Skandal 2006 – Kapitel 8: Die Werke: Kriege in einer Traumwelt

Im Mai vor 20 Jahren – und in den Monaten danach – erschütterte ein Riesenskandal die literarische Welt: Eine Jury der Stadt Düsseldorf hatte dem Dichter Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis und das damit verbundene Preisgeld von 50.000 € zugesprochen. 

Doch der Preis wurde dem Dichter bis heute nicht überreicht. Ich habe damals, 2006, darüber ein polemisch-unterhaltsames Buch veröffentlicht: „Der Handke-Skandal – wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte.“  Jeden Samstag veröffentliche ich daraus – ohne Bezahlschranke – ein weiteres Kapitel.

Buch-Abdruck: Kapitel 8

Soviel vorweg: Informieren Peter Handkes Bücher objektiv? 

Nein. 

Vermitteln die Bücher ein verständliches Bild von dem Geschehen während der jugoslawischen Kriege? 

Nein. 

Muss man Handkes sechs Bücher zum Serbien-Thema gelesen haben, wenn man sich ein Bild vom Geschehen in Jugoslawien im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts machen möchte? 

Ja.

Handke bietet uns Bücher zum Nach-Denken – über die jugoslawischen Kriege, über die serbischen und anderen Regime, über die Opfer und selten über die Täter, über Handlungen während der Kriege und Versäumnisse nachher und vor allem über das Leben der Zivilbevölkerung, die in einem Krieg – gleich auf welcher Seite – immer nur Opfer ist. Die Bücher öffnen den Blick für die Themen und Aspekte nach den Raketen-Einschlägen und dem Beschriften der Grabsteine, bieten die Beobachtungen eines zerstörten Landes und seiner nach Identität und Zukunft suchenden Menschen. Das ist sehr viel.

Der Regisseur Wim Wenders  mahnte an, Handkes Bücher zu lesen, denn „wer sich nur aufs Hörensagen verlässt, auf anonyme Quellen oder Gerüchte, der mag Peter Handke schnell verteufeln. Es gibt ja immer so einen tollen Kick, wenn man einen Großen zur Schnecke macht“. Wenders ist sicher, dass „erst die Geschichte ein letztes Wort über die Jahrhundertealten sowie neueren Konflikte im alten Jugoslawien sprechen wird, auch über Milosevics Rolle darin, aber wenn sich ein Autor vehement für das serbische Volk einsetzt und gegen die Tendenzen seiner verallgemeinernden Verurteilung, dann sollte man gerade in Deutschland in aller Vorsicht reagieren und argumentieren. Kaum einem anderen Land als unserem ist nach der Naziherrschaft von seinen Nachbarn und ehemaligen ‚Feinden’ so viel guter Wille und, ja, auch Verzeihen entgegengebracht worden wie ,uns Deutschen’“.

Handkes Bücher schocken, weil sie den Leser zwingen, zu bekennen und sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Ich weiß, dass ich nichts weiß über die jugoslawischen Kriege und die Folgen. Man kann dem Autor in vielen Punkten nicht widersprechen, obwohl man ihm manchmal sehr gerne widersprechen möchte, weil man nicht informiert genug ist. Handkes Berichte vom Krieg führen die Menschen nicht in das Reich des Wissens, sondern lenken zu einer, dem Autor eigenen Wahrheit über den Krieg, über die Verstrickungen der NATO-Länder und ihrer Regierungen sowie über angebliche Kumpanei oder Untertanentum der Medien in Europa. 

Seine Bücher sind eine Reise an einen Abgrund – tief unten im Dunkeln versteckt liegen die Antworten auf viele unbeantwortete Fragen. Peter Handke provoziert, schimpft und greift an mit einem Köcher voller Anklagen. Er ist Jäger, nicht Versöhner. Er ist nicht Grenzgänger, sondern einer, der fokussiert auf das Leben der Serben. Wer sich als Schriftsteller auf die Suche nach Wahrheit, die Frage nach Recht und Unrecht begibt, ist aber nicht mehr frei in der Wahl seines Vorgehens und der Methoden. Da sind nicht die Träume und Phantasien des Dichters gefragt. Da sind journalistische, kriminalistische, investigative Recherchen verlangt. 

Wahrheit schreit nach Fakten. Nicht nach Fragen ohne Antworten, unbewiesenen Argumenten oder betörend wohlgesetzten Worten. Menschenrechte und Unterdrückung sind keine geflügelten Worte, sondern Realität. Die Opfer fordern Gerechtigkeit, schreien nach Wahrheit, dürfen Klarheit in der Argumentation erwarten. Opfer fordern zu Recht, dass Berichterstatter und Chronisten den Abgrund hinunter steigen und die Wahrheit ans Tageslicht tragen. Wer das versäumt, bleibt ein Rufer, ein Mahner in der Wüste, dem niemand folgen mag.

Peter Handkes Bücher bieten dem Leser keine Chance mitzureisen und zu verstehen. Weder den Krieg, die Ursachen und Auslöser dieser Unmenschlichkeit, weder eine noch beide, noch alle Seiten in diesem Krieg oder diesen Kriegen. Nicht einmal die eine, die von Handke bevorzugte, protegierte Seite, die der Serben, ist so beleuchtet, dass der Leser sie nachvollziehen oder gar Sympathien entwickeln könnte. Die Bücher des Dichters sind so privat in der Innen- wie in der Außensicht, dass sie den Leser erheblich irritieren. Was bleibt ist eine Frage: Was will uns der Dichter damit sagen? Zu wenig – und doch so viel: Suche die Antworten, suche die Wahrheit. 

So geht es bei der folgenden Auseinandersetzung mit diesen Bücher nicht um eine Bewertung der literarischen Qualität, sondern um eine Beleuchtung der Sicht Handkes: Seine Einstellung zu Serbien, den Ursachen für die jugoslawischen Kriege, die Beurteilung Milosevic` und seine Einstellung zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Das ist schwierig genug und das Ergebnis sicher für den gründlichen Leser unbefriedigend. Vor allem wurde auch der Blick fokussiert auf Passagen in den Büchern, die für eine Heine-Preis-Würdigkeit – Ablehnung oder Zustimmung – relevant sein könnten: Hinweise etwa auf zu viel Nähe zu Milosevic, unlautere Propaganda für die serbische Sache. Deswegen wird an dieser Stelle auch nicht näher auf Handkes kleines Werk „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991) eingegangen, in dem er sich mit Slowenien befasst. Der ungeübte Handke-Leser sei vorab auch gewarnt: Man muss nicht alles verstehen, was der Dichter schreibt, nicht allen erschließt sich seine Art zu schreiben.

Wer nicht abwarten möchte und alle Kapitel komplett lesen will, hat dazu nur noch begrenzt Gelegenheit: Von dem Buch gibt es noch eine Restauflage. Das Buch kann zum Sonderpreis von 12,60 € inkl. Versand unter folgendem Link beim Magenta-Verlag bestellt werden. https://magenta-verlag.de/produkt/der_handke_skandal/
Wer nicht abwarten möchte und alle Kapitel komplett lesen will, hat dazu nur noch begrenzt Gelegenheit: Von dem Buch gibt es noch eine Restauflage. Das Buch kann zum Sonderpreis von 12,60 € inkl. Versand unter diesem Link beim Magenta-Verlag bestellt werden.

1996: „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“

„Die in einem Band versammelten Betrachtungen Peter Handkes zu Jugoslawien eröffnen dem Leser neue Perspektiven auf den Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens“, schreibt der Suhrkamp-Verlag in einer editorischen Notiz. Das Buch enthält drei Texte: „Abschied des Träumers vom Neunten Land“, „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ und „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“.

In seinem „Sommerlichen Nachtrag“ äußert Handke – ungewohnt für ihn und dadurch auffallend intensiv – Zweifel an seiner Darstellung der jugoslawischen Kriege: „Und hier war es auch zum ersten Mal, dass ich, nach all den solchen und solchen Reaktionen auf meine Reisegeschichten, es mit dem Gedanken zu schaffen bekam, ich könnte durch mein Niederschreiben etwas Unrichtiges, Falsches, ja Unrechtes getan haben … dass mir bedenklich zumute wurde wegen meiner veröffentlichten Sätze, das kam dann eher von einer Bemerkung Olgas: bei mir, so wandte sie ein, stehe, sie ‚die Frau aus Bajina Basta’ sei ‚überzeugt’, in Sebrenica seien die Muslim-Tausende von ihren Landleuten, jenseits dort der Drina, umgebracht worden. Jedoch das habe sie so nicht gesagt, höchstens ‚ich glaube’, oder ‚es könnte sein’.

Es  ist bemerkenswert, dass Handke diese Korrektur durch die von Ihm Interviewte in seinem Buch anmerkt. Leider kommt er durch die Erfahrung nicht zu dem Ergebnis, dass seine Darstellungen auch in anderen schwerwiegenden  Punkten falsch oder ungenau sein könnten und einer genauen Überprüfung oder Ergänzung benötigen. Vielmehr setzt er seine Reise durch Serbien fort.

Dabei darf man davon ausgehen, dass solche Ungenauigkeiten in Handkes Texten vielfach vorhanden sind. Sie entstehen, weil er sich nicht – wie es für Journalisten üblich ist – Notizen von Interviews und Beobachtungen zu machen. Das Gegenteil ist bei ihm der Fall: Er machte sich – wie er für sein Buch „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterliche Reise“ bestätigt – „keine einzige“ Notiz. Auch in anderen Büchern hat der Autor darauf hingewiesen, dass er auf Notizen zumindest zum Teil verzichtete.

Er wäre sicherlich präziser in seinen Darstellungen gewesen, hätte er das zum Beispiel an folgender Stelle seines „Sommerlichen Nachtrags“. Er versucht, Zweifel an den Darstellungen der jugoslawischen Kriege und den Aktivitäten serbischer Banden zu wecken: „Viele von den Opfern, so Augenzeugen (gerade aus einem Hotelzimmer wie dem meinen hier), dort drüben von der Brückenbrüstung gestoßen, und das alles auf Geheiß eines jungen serbischen Milizenführers; mir dazu im Gedächtnis insbesondere ein Artikel aus der New York Times, gespickt mit Aussage um Aussage gegen diesen inzwischen entschwundenen Mann, der – sein Hauptmerkmal – ‚oft barfuss ging’ in der von ihm ‚Die Wölfe’ genannten Paramilitärtruppe, und unter den sonst, wie üblich, ausschließlich muslimischen Belastungszeugen auch, wieder wie üblich, jener einzelne Serbe, ein Soldat hier aus der Stadt, in Gefangenschaft geraten und dort verhört von einem UN-Polizisten, später aber, so hieß es, ausgetauscht und ebenfalls verschwunden (fast sicher ‚zu seinem Verderben’ schrieb die Zeitung). Und ich konnte nun nicht umhin, mich zu fragen, wieso in diesem Krieg immer wieder gerade die möglichen Hauptzeugen der Greuel, wie es schien, ohne weiteres zum Austausch freigegeben worden waren, ein Faktum, das in fast jedem solcher Berichte vorkam, und ein jedes Mal ganz unbezweifelt weitergegeben: Wenn dieser und dieser Zeuge so Schlimmes, so Bloßstellendes wusste — warum ihn dann austauschen und gehen lassen? Und warum tat der erwähnte Artikel, als habe jene serbisch-bosnische Wolfsbande hier im Visegrad von 1992 völlig freie Hand zu ihrem monatelangen Wüten gehabt? Die ganze Stadt ein grausiger Spielraum für nichts als die paar Barfüßler im Katz-und-Maus mit ihren Hunderten von Opfern? (Die serbisch-serbische Armee, wie wiederum reportsüblich, schaute von jenseits der Grenze untätig zu, wenn sie nicht, wie noch reportsnotorischer, überhaupt mittat.) War damals nicht der Bürgerkrieg ausgebrochen gewesen, mit gegenseitigen Kämpfen fast überall in Bosnien? Wie konnte solch freihändiger Terror sich austoben gegenüber einer mehrheitlich muslimischen, für den Krieg längst schon gut gerüsteten, überdies noch die Obrigkeit stellenden Bevölkerung? Das Ivo-Andric-Denkmal dort an dem Brückenzugang, war es nicht schon im Jahr vor dem Kriegsausbruch weggesprengt worden, als Signal dafür, und von wem? Bemerkenswert doch, wie es den über die Meere angereisten, eingeflogenen Aussagensammlern beinah durch die Bank nur und ausschließlich um ihre Story, ihren Scoop, ihr Beutemachen, ihr Verkaufbares ging (was fürs erste ja auch gar nicht zu verachten war) – ‚witnesses said’, ‚survivors said’, das Absatz um Absatz, gleichsam die Echtheitsstempel —, doch kaum je um einen Zusammenhang, eine weiterführende, auf ein Problem sich einlassende Erklärungs- und Aufklärungsarbeit, und schon gar nicht, jedenfalls bereits längst nicht mehr, auch nicht in den einst ernsthaften ‚Weltblättern’, um die für Bosnien und Jugoslawien besonders bezeichnende Vor-Geschichte, Vorgeschichte um Vorgeschichte – ein Problem-Darstellen, welches in einem grundanderen Sinn zu Herzen ginge als etwa der miesliterarische Schlußabsatz (ganz und gar nicht zu Herzen gehend, sondern auf dieses eben bloß nackt schamlos abzielend) des nach Visegrad hinter die bosnischen Berge geheuerten Manhattan-Journalisten, worin er eine aus ihrer Stadt geflüchtete Zeugin, nächtens dabeigewesen beim Hinabgestoßenwerden von Mutter und Schwester von der Brücke, Tennessee-Williams-haft sagen läßt: ‚The bridge. The bridge. The bridge . . .’.“

Die vielen Fragezeichen helfen weder dem Leser noch der Wahrheitsfindung. Fragezeichen kann jeder machen. Die Qualität von guten Chronisten macht es aus, Sätze mit Ausrufezeichen zu liefern. Da macht es sich Handke zu leicht: Hinfahren, Hinsehen, Heimfahren, Aufschreiben – so funktioniert allenfalls Dichtkunst, aber nicht Aufklärung. Handke wirft einmal Journalisten „Stichproben-Recherche“ vor. Er selbst macht leider noch weniger, er recherchiert gar nicht, schreibt über die Oberfläche, die er sieht. 

Wie dürftig Handkes Recherche aussieht, zeigt sich in diesem Buch bei seinem Treffen mit einem Mann aus Serbien, der als mutmaßlicher Kriegsverbrecher auf der Liste des Internationalen Strafgerichtshofs stand. Handke stellte dem Mann nicht einmal richtige Fragen: „Warum auf der Liste? Und als Antwort nur: Es sei Krieg gewesen.“

So zeigt sich in diesem Buch: Da, wo Handke sich auf Beschreibungen konzentriert, bietet er dem Leser gelegentlich großartige Bilder. Doch die Analyse ist nicht seine Sache, er ist eben kein Freund von Fakten.

1996: „Eine winterliche Reise … oder Gerechtigkeit für Serbien“

In diesem Buch „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ beschreibt Handke seine Reise „in das Land der allgemein so genannten ‚Aggressoren’“.  Es „lockte  mich, einfach das Land anzuschauen“. 

Das nachzuvollziehen, dabei hilft Handke dem Leser leider nicht, weil er in seinem Schreiben kein Ordnungsprinzip hat. Er stromert durch  Serbien und stellt vor allem viele Fragen: „Und noch so eine Parasiten-Frage: Wie war das wirklich mit Dubrovnik? Ist die kleine alte wunderbare Stadtschüssel oder Schüsselstadt an der dalmatinischen Küste damals im Frühwinter 1991 tatsächlich gebombt und zerschossen worden? Oder nur – arg genug – episodisch beschossen? Oder lagen die beschossenen Objekte außerhalb der dicken Stadtmauern, und es gab Abweicher, Querschläger? Mutwillige oder zufällige, in Kauf genommene (auch das arg genug)? Und schließlich ist es mit mir sogar so weit gekommen, dass ich, nicht nur mich, frage: Wie verhält sich das wirklich mit jenem Gewalttraum von ‚Groß-Serbien’? Hätten die Machthaber in Serbien, falls sie den in der Tat träumten, es nicht in der Hand gehabt, in der rechten wie in der linken, ihn kinderleicht ins Werk zu setzen? Oder ist es nicht auch möglich, dass da Legendensandkörner, ein paar unter den unzähligen, wie sie in zerfallenden Reichen, nicht nur balkanischen, durcheinanderstieben, in unseren ausländischen Dunkelkammern vergrößert wurden zu Anstoßsteinen?“

Nun sollte nicht jeder, der Fragen stellt, gezwungen werden, Antworten zu geben. Handke bietet nur zu wenig, wo er über das Fragen hinaus geht und bringt in diesem Buch damit keine Diskussion erst recht nicht die Wahrheit über die jugoslawischen Kriege weiter.

1999: „Die Fahrt im Einbaum oder das Stück zum Film vom Krieg“

 „Ort der Handlung in Peter Handkes aktuellem, zugleich poetischem Theaterstück ist die Halle des Hotels Acapulco in einer kleinen Provinzstadt, gelegen in einem Schluchtkessel im innersten Balkan. Dort treffen sich zwei Regisseure, der Amerikaner John O’Hara und der Spanier Luis Machado, um die Darsteller für einen geplanten Film zum ein Jahrzehnt zurückliegenden Krieg in dieser Gegend zu bestimmen“, schreibt der Suhrkamp-Verlag im Klappentext zu dem Theaterstück „ Die Fahrt im Einbaum oder das Stück zum Film vom Krieg“. Eine Reihe von Darstellern – darunter ein Fremdenführer, ein Historiker und drei Journalisten – tragen ihre Sicht der Geschehnisse auf dem Balkan vor. Man darf davon ausgehen, dass sich Handke dieser Figuren bedient, um dem Publikum seine Ansichten von den jugoslawischen Kriegen zu vermitteln. 

Nun hätte die Form des Theaterstücks die Chance geboten, über die Fragen von Verantwortung für Kriege und Gemetzel zumindest auch Pro- und Kontra-Positionen zu Wort kommen zu lassen, einen Dialog über grundsätzliche, Handke am Herzen liegende Themenstellungen zu eröffnen. Aber auch in seinem Theaterstück fährt der Autor mit den unbewiesenen Anschuldigungen fort, indem etwa die Figur des „Ersten Internationalen“ einen Internationalen Strafgerichtshof beschuldigt: 

„ERSTER: … Aber ich habe immer wieder auch wochenlang das Leben des namenlosen Volks hier geteilt. Ich weiß Bescheid. Die Sache ist klar. Erstens: Die Schuldigen stehen fest. Zweitens: Alle Beschuldigten – egal ob sie ein Bewusstsein ihrer Schuld haben oder überhaupt wissen, dass sie Beschuldigte sind – sind zu fangen – egal wie, ob bei einer scheinbaren Blutspendeaktion in einem vom Internationalen Roten Kreuz ausgeliehenen Transfusionswagen oder, wenn sie unverschämt genug sind, wie harmlose Niemande Schi zu fahren, Beeren zu sammeln, zu schwimmen, aus der Luft, von einem unserer NYT-Hubschrauber aus, mit einem Haken von der Piste, aus dem Wald oder aus dem See gefischt! Drittens: Kein Friede ohne Bestrafung der bekannten Schuldigen durch unser IFSUG –

ZWEITE: IFSUG?

ERSTER: Internationales Friedens- und Strafgericht. Und wer sich nicht einfangen lässt? Dem wird es so ergehen wie der Kreatur mit der schwarzen Narbe, die geschworen hatte: Mich kriegt ihr nicht lebend! und dann von der Spezialtruppe der URSSAF in Notwehr erschossen werden musste – ‚Mich kriegt ihr nicht lebend? – Er hat Wort gehalten!’, so die Überschrift meines Artikels in der IT, INTERNATIONAL TIMES.“

Alles Theater, was uns Handke serviert? Sicher absurdes Theater, das in Absurdistan spielen könnte, wenn Handke nicht etwa einen „Irren“ als Massenmörder auftreten ließe, bei dem der Leser unwillkürlich an Slobodan Milosevic denkt:

„IRRER: Ich bin ein Massenmörder. Vielleicht der größte in diesem, in unserem, Krieg. Und wenn nicht der größte, so der dafür typische. Ich wurde Massenmörder, weil mir das Helfen misslang. Meinem ersten Opfer wollte ich zunächst nur helfen, nichts als helfen, helfen, helfen. Aber meine ausgestreckte Hand kam nicht an ihn heran, von der Stange, die ich ihm hinhielt, rutschte er immer wieder ab. Ich konnte und konnte ihm nicht helfen. Und darüber verzweifelte ich. Und in meiner Verzweiflung schlug ich dann auf ihn ein, mit der Wut der Verzweiflung. Kennt ihr das ?: Etwas schreit um Hilfe aus einer Erdritze, aus einem Wildbach, und weil ihr trotz größter Mühe nicht an es herankommt, nicht und nicht, stoßt ihr es plötzlich noch tiefer in die Ritze, taucht es extra unters Wasser? So begann jedenfalls mein Morden hier, mein Amoklaufen. Kennt ihr das? Nein, ihr kennt das nicht.“

1999: „Unter Tränen fragend“

In diesem Buch „Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April“ befasst sich Handke – wie in anderen Büchern auch schon – unter anderem mit der Rolle der Medien in Europa. 

„Das Zeitalter der Information ist vorbei“ heißt es schon auf dem Klappentext. Handke rechnet mit den Medien ab – auf seine ihm eigene Art: „Dagegen die Propaganda der westlichen Kriegsgroßmächte und der mit ihnen, zum grausigen Staunen, wie geschmiert zusammenspielenden Medien: ein Trommelfeuer aus sogenannten Informationen, wofür, mitsamt den ins Auge springenden, die Augen anspringenden paar Wahrheiten noch einmal das verbrauchte Wort ‚Propaganda-Lügen’ auffrischbar wird. Auf der Seite der Ohnmachts-Macht demnach Propaganda ohne jede Information, auf der Seite der Supermächte Propaganda im Gewand der Superinformation, oder eher als eine Art Parallelbeschuß mit Wörtern und Bildern, die ‚Information’ bloß vortäuschen, aber umso besser, in jeder Hinsicht, verkaufen. (Was machen die westlichen Medien nur mit ihren riesigen Zusatzeinnahmen durch ihren Mit-Krieg gegen Jugoslawien? ‚Massaker’, ‚Konzentrationslager’, ‚Genozid’, ‚ethnische Säuberung’, ‚Massenvergewaltigung’, ‚Soldateska’, ‚Schlächter’, ‚proserbisch’, und dazu die Großaufnahmen von ‚Händen an Stacheldraht’ (auch ohne Stacheln) ‚Träne an Wimper’, ‚Greisin mit brechenden Augen’. Die Bilder gleichen einander, die seinerzeit aus Bosnien jetzt denen von der mazedonischen, albanischen, montenegrinischen Grenze? Nein, die Bild-Einstellungen, die Bild-Winkel, die Bilder-Machschemata gleichen einander. Was sind das für Wahrheiten, die vor allem aus Großaufnahmen und Zuschlag-Wörtern bestehen? Rückkehr von der Gaststätte zur Grenzerbude, zum Bezahlen des Zolls für die Treibstoffeinfuhr (40 Liter). Chef der Ablösemannschaft: ‚Nichts bezahlen’ – erster Vorteil dessen, der Pro- oder Philoserbe ist, oder, wie es im Land selber heißt, ‚prijatelj srpskega naroda’, Freund des serbischen Volkes. Und mit dieser letzteren Propaganda-Formel kann ich sogar einmal einverstanden sein. 0 Sprache. ‚Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit’? Nein, die Sprache. 0 Sprache.“

Über die Medienschelte und Sprachkritik hinaus macht Handke in „Unter Tränen fragend“  immer wieder – wichtig – auf die Folgen des Krieges aufmerksam. So in der Schilderung einer Begegnung mit einem katholischen Bischof, mit dem er über die „bedenkenlose Vertreibung der Muslime und Kroaten durch diese oder jene der mehrheitlichen Serbenseilschaften“ spricht. Und von der Begegnung mit einer Fernsehjournalistin notiert er, dass aus der „sonst durch nichts von ihrem Redefluss abzubringenden Sprecherin nach acht Bombenwochen eine schwere Stotterin geworden, ohne Klagen dabei; spürbar das Stottern selber als eine Art der Klage (‚typisch serbisch’?)“

Das sind die großen, sensiblen Momente in Handkes Büchern, für die man dem Autor dankbar ist.

2003: „Rund um das große Tribunal“

Für dieses Buch „Rund um das große Tribunal“ reiste Peter Handke das erste Mal im März 1998 für einige Tage zum Internationalen Strafgerichtshofs nach Den Haag und vier Jahre später mehrmals zum Prozess gegen Slobodan Milosevic. „Doch Handke sieht sich nicht als ‚Prozessbeobachter’“, so schreibt der Suhrkamp-Verlag in einer kurzen Einführung zu dem Buch, „er setzt auf den genauen Augenschein, auf die Wirklichkeit hinter den Bildern“. Dass darf bezweifelt werden, denn die „Wirklichkeit“ beschreibt Handke nur zu einem sehr kleinen Teil. 

Handke fragt, ob Schriftsteller auch als Zeugen in Frage kommen. Er fühlt sich als Zeuge, aber er ist im Prozess gegen Milosevic nicht Zeuge, so wie der von ihm im Buch zitierte Kafka nicht Zeuge war. Handke ist nicht Zeuge von Verbrechen, er ist – falls überhaupt – Zeuge der Aufarbeitung und Bewältigung dieser. Aber selbst in dieser Rolle ist er schlecht, weil er nicht objektiv ist, sondern seine Beobachtungen mit seiner Meinung und den Kriegen in seiner Traumwelt mischt.

Der Dichter streift mal hier, mal da das Geschehen rund um das Tribunal. Fragt etwa nach der Vorverurteilung von Milosevic durch die Öffentlichkeit. Keine Frage, die gibt es, aber jeder mutmaßliche Täter muss damit leben, weil allein dadurch, dass die ihm zur Last gelegten Taten kommuniziert werden, eine enge Verbindung zwischen dem Angeklagten und den Taten hergestellt wird. 

Der Leser fragt sich auch, ob Handke vielleicht zu viel fern sieht? Im Zusammenhang mit einer Einlassung zu Milosevic betrachtet er etwa die Strafverfolgung in Kino- und Fernsehfilmen, und bedauert, dass für „Außenseiter“ wie etwa die Privatdetektive Sam Spade oder Philip Marlowe kein Platz mehr ist. Grob formuliert: Er vergleicht die Fahnder in Fernsehen mit denen in der Realität, also etwa mit der Chefanklägerin in Den Haag, Carla del Ponte.

Es gibt aber auch einige – unbewiesene – Vorwürfe, die den Dichter zumindest als unseriös erscheinen lassen. So unterstellt Handke dem Internationalen Strafgerichtshof abhängig von der EU, der USA und der Nato zu sein. „Im Namen der Welt auftretende Strafverfolger und Straffahnder demnach, in ihrer zeitgemäßen Camera obscura, als die Protagonisten und darüber hinaus die Künstler in einer neuen, unerhörten Epoche? In jedem Sinn eine ‚Novelle’? Parteien – auch die internationalen Richter, indem sie im Sold der ‚Weltgemeinschaft’ stehen und ihr Amt der Sache gemäß nie und nimmer gegen diese Gemeinschaft (Europäische Union, Nato, USA etc.), sondern ausschließlich gegen den inzwischen fast stimmlosen Rest vom Rest der Welt ausüben, sind ja Partei -: als Parteien, zudem großmächtige und mit vielerlei Zwangs- und Gewaltmitteln ausgestattete, als die neuerdings Preiswürdigen? Realität gewordene Verkehrte Welt?“

Das kann man schreiben, man muss aber belegen, was etwa die Richter wann, wo und wie unter den Tisch fallen ließen oder nicht berücksichtigt haben, wenn man als Autor mit seiner Kritik ernst genommen werden will. Abgesehen von solchen Schuldzuweisungen ist „Rund um das Tribunal“ ein harmloses Buch. Verbrechen gegen die von ihm in Schutz genommenen Serben räumt er kaum Raum ein, zur angeblichen Unschuld von Milosevic liefert er keine Beweise, ja nicht einmal Hinweise. 

Immer dann, wenn der Leser hofft, dass Handke konkret wird, flüchtet er – etwa in Landschaftsbeschreibungen wie hier: „Und jetzt, im Juni 2002, nach weiteren zwei Besuchen in Den Haag, beim Prozess gegen Slobodan Milosevic, zuerst wegen ‚Kriegsverbrechen’ und ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit’ usf. im Kosovo, in der Folge, ab Herbst 2002, wegen der gleichen Kriegsverbrechen in Bosnien und Kroatien plus ‚Genozid’ in Bosnien: Was ist an dem Gericht, außer der sich stetig verlängernden Richter-Porträtgalerie im Stiegenhaus, dazugekommen‘? Wieder im Spätwinter die Krokusschneisen an den im Haag allgegenwärtigen Straßenbahnschienen. Wieder: die Unwirtlichkeit rund um rund um das Gerichtsgebäude…“

2005: „Die Tablas von Daimiel“

Die „Reiseerzählung: Die Tablas von Daimiel – Ein Umweltzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Milosevic“ ist Handkes vorläufig letztes Werk in seiner Serbien-Reihe. Auch hier zeigt Handke, dass er keinen richtigen Überblick und Durchblick hat sowohl über die jugoslawischen Kriege wie dem Handeln der Protagonisten in diesen Gemetzeln. 

Das würde man ihm auch nicht vorwerfen – wer hat schon den Überblick – würde er sich nicht als Ankläger sehen. Er ist aber nur ein Verwirrer, ein großer Irritator, schafft ein Klima des Zweifels im Leser. Zweifel an der Rechtschaffenheit der Prozesse gegen Milosevic und der Ankläger und Richter etwa so: „Und hier, abgesehen davon, dass im Jugoslawientribunal, leider?, keine Geschworenen, keine Laienrichter entscheiden, und auch abgesehen davon, dass ‚Schuldig oder Unschuldig’ nicht meine Sache ist, meine ‚intime conviction’ zu diesem, speziellen, Prozess gegen Slobodan Milosevic: Ich bin zuinnerst überzeugt, dass das Welt-Tribunal, wie es da tagt (und tagt) im Saal Eins der einstigen Haager Wirtschaftskammer, nichts taugt – dass es, so viel es auch formal Recht sprechen mag, von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und falsch bleibt und das Falsche tut und das Falsche getan haben wird – dass es (es speziell) zur Wahrheitsfindung kein Jota beiträgt – dass es der nicht bloß edlen, sondern, zum Unterschied zu anderen Ideen, unvergänglichen Idee des Rechts, den, bei aller so betonten äußerlichen Würde, scheußlichsten Hohn spricht: also das FALSCHE GERICHT … Ja, meine ‚innere Überzeugung’ geht sogar so weit, dass ich Slobodan Milosevic nicht nur vor dem falschen Gericht sehe, sondern ihn auch – zwar ganz und gar nicht für ‚unschuldig’ halte (das, wie gesagt, ist nicht meine Sache), aber für ‚nicht schuldig im Sinne der Anklage’, und genauso im Sinn der Organisation des Prozesses, dessen Gebaren wie dessen Führung durch die Richter.“

Der Dichter spricht dem Den Haager Gerichtshof die Kompetenz ab, schreibt aber nicht, wer denn an dessen Stelle treten sollte oder könnte, wer seiner Ansicht nach urteilen darf über Recht und Unrecht.

Das Magazin „Literaturen – das Journal für Bücher und Themen“ veröffentlichte die Reiseerzählung als Titelgeschichte, leicht marktschreierisch angekündigt: „Exklusiv. Peter Handke. Noch einmal für Jugoslawien“. Die Aufmachung der Geschichte, diese wenigen Worte auf dem Cover, das ein Fotoportrait des Dichters zeigt, ist ebenso eine Bemerkung wert wie der redaktionelle Vorspann zu der Geschichte selbst. 

Über ihren Hinweis auf die Exklusivität dokumentiert das Magazin eine besondere Nähe zu Peter Handke. Sicherlich hat er der Redaktion die Geschichte nicht überlassen, weil er ein hohes Honorar erwarten durfte. Literaturzeitschriften zahlen nicht viel. Sicher aber fühlte sich der Dichter mit seiner Geschichte, die er im Januar 2005 geschrieben hatte, gut aufgehoben. In guten Händen also auch bei der verantwortlichen Redakteurin Sigrid Löffler, die als Jury-Mitglied des Heine-Preises eine ganz besondere Rolle spielte, glühende Verfechterin Handke sein und dafür gesorgt haben soll, das der Dichter den Heine-Preis erhält. 

Man fragt sich aber, warum Löffler – ja verantwortlich und somit zuständig –  in ihrer eigenen Zeitschrift so zurückhaltend in ihrer Beurteilung der Handke-Geschichte ist. Weder lesen wir im redaktionellen Vorspann, dass Peter Handke Recht hat und mit seinem Engagement für Serbien und seiner Meinung über Milosevic, noch bekräftigt sie Handkes Stellung über die Schuld an den jugoslawischen Kriegen und den Massakern. 

Es ist nicht nur Löfflers Schwäche, auch die von einigen anderen Literaturkritikern, dass sie, einmal der Literatur erlegen, die Realität nicht mehr als solche wahrnehmen und zum Maßstab für die Beurteilung der Literatur nehmen, sondern die Literatur als Maß aller Beurteilungen für das wirkliche Leben nehmen. Auch lassen sich Literaturkritiker zu selten auf diesen Vergleich ein: Hat das, was der Literat beschreibt noch mit der Welt zu tun, in der wir leben? 

Die meisten Bücher, zugegeben, sind nicht von dieser, unserer realen Welt, und auch die Leser wollen die Märchenstunde. Doch es gibt Autoren, die sehen sich als freie Geschichtenerzähler, andere dagegen als Beobachter, Chronisten dieser einen, der tatsächlichen Welt. Handke ist – mit seinen Serbien-Werken – einer von letzteren, und darum müssen seine Bücher an der Realität gemessen werden und nicht umgekehrt das Leben an seinem Werk.

Immerhin, und das ist das Gute an der Heine-Preis-Debatte, und dafür sollten alle an der Literatur Interessierten dankbar sein: Dieser Streit wurde auf die Spitze getrieben, weil Handke nicht in eigenen, dichterischen Sphären blieb, sondern weil er die Realität umdichtete.

Doch das schreibt „Literaturen“ nicht. Handkes Geschichte wird in keiner Weise eingeordnet, beurteilt oder gewichtet – obwohl das doch eigentlich Aufgabe einer Literaturkritikerin wie Sigrid Löffler sein sollte. Sie zieht sich auf die Position des neutralen Beobachters, der ein Blatt zu stemmenden Redakteurin zurück – unterstellt, dass sie die Handke-Berichterstattung in dem Magazin, das sie verantwortet, nicht nur kennt, sondern auch mit trägt: „Wer hat die Priorität der Weltwahrnehmung? Sind es die Medien, die für sich in Anspruch nehmen, die Welt zu konstruieren? Oder ist es der Dichter, der – durch nichts legitimiert als durch künstlerische Eigenmächtigkeit – den medienvermittelten Bildern seine poetischen Gegenbilder entgegensetzt? Wer wird dem Krieg wirklich gerecht – die Medienindustrie mit ihrer geballten journalistischen Meinungsmacht? Oder der Dichter, der auf seinem ‚dritten Blickwinkel’ beharrt und seine ‚Geschichte ohne Feind-Bild’ erzählen möchte. Der Streit ist nicht entschieden. Aber ‚Die Tablas von Daimiel’ werden ihm neue Argumente liefern’.“

Schon Handke fragt in seinen Büchern zu viel, anstatt uns Antworten zu geben. Journalisten wie Sigrid Löffler sollten das lassen und Antworten parat haben. Wie das aussehen könnte, zeigt die „Tagesspiegel“-Redakteurin Caroline Fetcher. Sie geht u.a. darauf ein, dass Handke in seiner Reiseerzählung verkündete, dass er – als einer von 1600 Zeugen von Milosevic geladen – nicht Zeuge im Prozess in Den Haag sein können. „Den wahren Grund für Handkes Zeugnisverweigerung erkennt, wer sich die Mühe macht, seinen Text genauer zu studieren: Außer einigen poetischen Wolken und weiterem nebulösem, verschwurbeltem, süßlich bis aasig riechendem Gewölk hätte der Zeuge Handke nämlich nichts zu sagen“, meint Fetcher. 

Die Autorin selbst hingegen wird konkret und beschreibt die Vorführung eines Videos, das eine andere Sprache als die Handkes in „Die Tablas von Damiel“ spricht. Die Sprache von Opfern. Die Autorin des Suhrkamp-Buches „Srebrenica. Ein Prozess“, schreibt entsetzt: „Es ist keine drei Wochen her, da tagte im Belgrader Sava-Zentrum eine Versammlung Hunderter serbischer Menschenrechtler und Aktivisten zum Thema ‚Srebrenica- Jenseits aller Zweifel’. Eingeladen hatten das Belgrader Humanitarian Law Center und sieben andere Organisationen, wie das Zentrum für kulturelle Dekontamination unter Borka Pavicevic. Federführend war Natasa Kandic, die auch das Video ans Licht gebracht hatte, das Mitglieder der serbischen Polizeieinheit Skorpione von der Exekution jugendlicher Bosniaken aus Srebrenica gedreht hatten. Am 1. Juni diente es als Beweisstück im Prozess gegen Slobodan Milosevic in Den Haag. Kurz darauf sendeten serbische Fernsehanstalten Auszüge aus dem Dokument. Über Nacht liess die serbische Regierung mehrere der Täter verhaften.

Im Saal 1B des Sava-Zentrums sprachen am 11. Juni Frauen aus Srebrenica, die ihre Ehemänner, Söhne, Väter, Brüder bei dem Massaker verloren haben. Mit ihrem Einverständnis führte Natasa Kandic das vollständige Skorpione-Video ‚Treskavica Juli 1995’ vor. Das Bilddokument ist über 20 Minuten lang. Peter Handke hätte sich nicht in diesen Saal getraut, wo sich Belgrader Bürgerinnen und Bürger zitternd ansahen, was die Täter filmten, die sich ganz offensichtlich in einer Sphäre der absoluten Straffreiheit wähnten. Das Sava-Zentrum war der bisher einzige öffentliche Ort, an dem dieses Video komplett gezeigt wurde.

Es ist zu sehen, wie die Skorpione vor der Tat von einem serbisch-orthodoxen Priester gesegnet werden, wie sie sich mit ihren Mädchen treffen, ehe sie die sechs jugendlichen Opfer auf einen Lastwagen laden, wie sie Kaugummi kauend und Zigaretten rauchend die gefesselten Bündel auf der Laderampe verhöhnen. Man sieht, wie sie die jugendlichen Todgeweihten am grünen Wegrand liegend aufreihen, und hört, wie einer der Soldaten ihnen beiläufig zuruft: ‘Die Natur ist übrigens wunderschön hier.‚ Sie stellen vier der Opfer auf einer Wiese auf. Sie schiessen ihnen in den Rücken. Man sieht sie fallen. Die Täter zwingen die beiden noch Lebenden, die Toten zu verscharren. Sie filmen alles. Sie erschiessen dann auch diese beiden. Sie erschiessen sie, während die Kamera läuft. Wie in diesen Tagen im Sommer 1995 allein in Srebrenica und dessen Umgebung 8000 bosniakische Knaben und Männer ermordet wurden, um die Enklave ‚ethnisch zu säubern’.

Wer die Verfahren des Tribunals, etwa den Erdemovic-Prozess oder den Krstic-Prozess, erlebt hat, wer die Akten (www.un.org/icty) eingesehen hat, der wusste, dass die Wahrheit so aussah. Jeder hat es wissen können. Auch Handke. Serben wie die Menschenrechtler im Sava-Zentrum würden dem Dichter für seine elegische, hochnotpeinliche Zynikerprosa einfach nur einen Vogel zeigen. In der angesehenen Belgrader Zeitung ‚Politika’ klagte der Kommentator Ratko Bozovic am 15. Juni 2005 über Leute, die von den massenhaften Verbrechen der serbischen Armee nichts hatten wissen wollen. Er attackierte insbesondere die wahrheitsscheuen Intellektuellen und zitierte Radomir Konstantinovic mit Worten, die im Fall Handke ebenso angemessen erscheinen: ‚Wenn du etwas Monströses nicht bemerkst, solltest du darüber nachdenken, ob du nicht selbst das Monstrum bist.’“

Fetcher bezeichnet Handkes Reiseerzählung in Sigrid Löfflers „Literaturen“ als eine „fahrlässige Veröffentlichung“: „‚Literaturen’ konnte nicht ahnen, dass Handkes Milosevic-Text fast zeitgleich mit dem Auftauchen des Skorpione-Videos erscheinen würde. Grob fahrlässig ist diese Veröffentlichung gleichwohl.“ Gerade eine Handke-Verfechterin wie Sigrid Löffler muss darauf antworten, wenn sie in der Heine-Handke-Debatte ernst genommen werden will.

Caroline Fetchers Darstellung soll kein Schlusswort zu Handkes serbischen Werken sein. Also, was bleibt von sechs Büchern? 

Es gibt nicht viele Passagen, die für die Beurteilung, ob Handke Heine-Preis-würdig ist, überhaupt herausragende Bedeutung haben. Sein entschiedenes Eintreten für eine andere Sicht auf die jugoslawischen Kriege, auf Serbien, ja sogar auf das Handeln von Milosevic darf man dazu rechnen. Sogar die Parteinahme muss man akzeptieren. Ihm das vorzuwerfen, wäre so, als wollte man einen Schriftsteller einem öffentlichen Verhaltenskodex unterwerfen. Richtlinien und Verordnungen sind Sache von Bürokraten und nicht der Kunst.

Aber Handke nutzt seine Freiheiten nicht, weil er nur selten konkret und nachvollziehbar wird. So ist es ihm nicht gelungen, seine serbische Sache selbst durch die Bücher bekannt zu machen und aus den Feuilletons der Medien hinauszuheben. Niemand befasst sich ernsthaft mit seinen Anschuldigungen, die wenigen die das tun, sehen sie eher als Ärgernisse oder gar als Geschichtsverfälschungen, denn als Hinweise auf Missstände.

Handkes großer Verdienst ist es – ganz im Geiste Heines – Zivilcourage bewiesen zu haben, indem er sich gegen die offiziellen Meinungen von Nato und Verteidigungsministern und europäischen Regierungen wie auch Teilen der Medien stellte und nachdrücklich feststellte, dass auch in den serbischen Reihen Greueltaten ertragen werden mussten und schwere Opfer zu beklagen sind. Was immer Handkes Werke auch sein mögen – Anklagen, Gegenklagen, unpräzise, ärgerlich oder pro-serbisch – sie sind sicher Anti-Kriegs-Bücher und das ist viel und konsequent in einer Zeit, in der nur weniger Bücher dieser Art geschrieben werden. „Wozu der Krieg“, fragt Handke in seinem Buch „Unter Tränen fragend“, „zum Vergrößern der Friedhöfe“.

Handke ist aber mal zu weit gegangen – und andere Male nicht weit genug. Zum serbischen Diktator Milosevic hätte er viel mehr Distanz gebraucht. Durch die Einseitigkeit der Beschreibung trug er nicht zu einer Völkerverständigung bei, vielmehr vertiefte er die Kluft noch durch sein nur wenig fundiert begründetes Misstrauen gegenüber den Institutionen in Europa.

Er hätte sich auf das Terrain des Journalisten begeben müssen, statt Dichter zu bleiben. Es geht dabei nicht – wie gelegentlich in den Diskussionen dargestellt – um die Sprache von Journalist oder Dichter. Es geht um die Recherche: Da wo er fühlte, hätte er besser beschrieben. Da, wo er beobachtete, hätte er besser Fakten aufgezählt.

Die Meinung des Lesers bleibt zwiegespalten. Peter Handke hat wichtige Bücher zu den jugoslawischen Kriegen, den Folgen und den Opfern geschrieben; er muss gelesen werden – auch nachträglich von den Jury-Mitgliedern des Heine-Preises. Aber der Autor ist allein deswegen schon nicht Heine-Preis-tauglich, weil er den Leser durch seine Schriften nicht aufklärt, sondern verwirrt und mit zu vielen unbeantworteten Fragen allein lässt. Das ist nicht im Sinne eines Aufklärers, nicht der Geist Heines. Vielleicht sollte Handke noch ein weiteres Serbien-Buch schreiben – aber diesmal gemeinsam mit einem Journalisten, einem guten Rechercheur. 

(Ende des 8. Kapitels aus dem Sachbuch „Der Handke-Skandal“. Fortsetzung mit Kapitel 9 am Samstag, 18. Juli 2026)

Fragen ohne Antwort an Düsseldorfs Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller

Anfang Mai 2026 habe ich den Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller einige Fragen zum Handke-Heine-Preis-Skandal geschickt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten. Die Fragen:

  1. Ist der Dichter Peter Handke Preisträger des Heine-Preises 2006 – oder nicht?  
  2. Sollte die Stadtverwaltung oder der Stadtrat von Düsseldorf nach 20 Jahren nicht eine klare Lösung für diese Frage finden? Bislang hat sich ja noch kein städtisches Gremium, weder Rat der Stadt noch der Kulturausschuss, mit der Frage befasst, ob Peter Handke Heinrich-Heine-Preisträger ist oder nicht.
  3. Warum ist die Information über den Heine-Preis auf der Website duesseldorf.de so begrenzt? Dort finden sich nicht einmal die Namen der bisherigen Preisträger*innen, die nicht nur den Preis selbst, sondern auch das Kulturleben in der Landeshauptstadt „schmücken“ würden.
  4. Hat die Stadtverwaltung eventuell wegen der ungeklärten Frage der Preisträgerschaft von Peter Handke auf eine Aufzählung der Preisträger verzichtet?

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Foto Buch Der Handke-Skandal: Jamin

Fotoporträt Jamin: Fyeo

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