Die schönsten Bücher für den Sommer? Wirklich?
„Die besten Bücher für die Ferien“ – das verspricht mir die Süddeutsche Zeitung in ihrer Wochenendausgabe. Und ich frage mich: Warum gibt es diese Buchempfehlungen eigentlich immer nur im Sommer?
Einen Sommer mit Buch
„Unter dem Hitzedom, wenn draußen ein Gewitter niedergeht oder in einer sternklaren Nacht: Den Sommer verbringt man am schönsten mit einem Buch. Oder mehreren. Persönliche Empfehlungen aus der SZ-Redaktion für die heißeste Zeit des Jahres.“ heißt es in der SZ, während das Statistische Bundesamt mehr als 1000 Hitzetote zählt.
Die Bild am Sonntag befragte zum Wochenende Buchhändler und Prominente: „In den Ferien, wenn die Welt ein bisschen langsamer wird und der Wecker Pause hat, gehört die Zeit wieder uns. Für lange Tage am Meer, für Abende auf dem Balkon und für Geschichten, die uns verzaubern…“
Da hat man glatt vergessen, dass Trump dem Iran wieder den Krieg erklärt hat.
Aufmacher der Kulturseiten
So oder so ähnlich lesen sich die Aufmacher der Kulturseiten derzeit in vielen Tageszeitungen und Magazinen. Sobald das Thermometer zwischen 30 und 40 Grad-plus pendelt, sollen die Menschen also lesen. Am besten Liebesromane. Oder Abenteuer im ewigen Eis. Vielleicht auch ein paar Horrorkrimis, damit einem wenigstens literarisch das Blut in den Adern gefriert.
Die Rheinische Post formulierte das so: „Buchtipps für den Lese-Sommer – Zehn Romane für die kostbarste Zeit des Jahres: Wir empfehlen Geschichten, die die sonnige Zeit schöner machen. Egal, ob man sie daheim verbringt oder in der Ferne.“
Ich sehe schon, wie die Menschen aus den nicht klimatisierten Pflegeheimen wegen der Literatur die Buchhandlungen stürmen.
Gibt es keine anderen Anlässe
Ich frage mich ernsthaft: Warum muss ich überall diese sommerlichen Buchtipps lesen? Gibt es nicht genug andere Anlässe, um Menschen zum Lesen zu bringen – wenn schon nicht eine bunte, fröhliche Auseinandersetzung mit Klimawandel, Stadtentwicklung und Hitze?
Nehmen wir den Valentinstag. Ein Datum, an dem man nicht nur Blumen und Schokolade bewerben könnte, sondern ebenso gut die unüberschaubare Flut an Liebesromanen.
Oder Weihnachten. Kaum ein Zeitpunkt wäre geeigneter, um Menschen gezielt zum Buch zu führen statt zu langweiligen Sonntagsreden in der Kirche oder unwichtiges Nachdenkliches des Bundespräsidenten im TV.
Jahrestag des Ukraine-Kriegs
Und dann gibt es noch die ernsten Anlässe – die, bei denen Literatur mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Der Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine zum Beispiel. Ein Moment, in dem es sinnvoll wäre, Antikriegs- und Friedensliteratur sichtbar zu machen.
Ich selbst beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren intensiv mit dem Thema „Vermisste Menschen und die Situation ihrer Angehörigen“. Auch hier gibt es einen wichtigen Gedenktag: den „Tag der vermissten Kinder“. Und was findet man zum Vermisst-Thema? Nichts ausser unzählige Fernsehkrimis, in denen Vermisste eine Opferrolle spielen. Krimis, in denen sie am Ende oft brutal ermordet werden. Dazu ein paar wenige Sachbücher von mir über ein Thema, das viele lieber verdrängen.
Bücher über Vermisste
Ich habe selbst dazu geschrieben: ein Fach- und Sachbuch im Verlag der Gewerkschaft der Polizei – inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich. Einen Ratgeber für Angehörige von Vermissten, erschienen in einem kleinen Verlag – weiterhin lieferbar. Oder ein Buch mit wahren Geschichten über Menschen, die verschwinden – nach zwei Auflagen nicht mehr als Print erhältlich, aber noch als E-Book.
Es gäbe also genug Anlässe, Bücher zu empfehlen. Wirklich genug.
Keine politisch Engagierten
Was ich allerdings bei dieser Hitze nicht tun würde: einen aufwühlenden Krimi oder einen überhitzten Liebesroman empfehlen – geschweige denn lesen. Das bringt das Blut nur noch mehr in Wallung. Vielleicht setzen Sie sich stattdessen in eine ruhige Ecke, trinken ein Glas leicht gekühltes Sprudelwasser und denken nach: Über den Klimawandel und Ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder und Kindeskinder. Über die Zukunft der Gesellschaft. Und darüber, was Sie persönlich tun können, etwa um gemeinsam mit anderen dem Klimawandel ein wenig ein Schnippchen zu schlagen.
Die Mehrheit der Kulturredakteure in Deutschland gehört meiner Meinung nach zu den am wenigsten politisch engagierten Journalisten. Anders lässt sich kaum erklären, warum sie so oft beliebige, harmlose Bücher empfehlen – während die wirklich relevanten, die wirklich wichtigen Bücher über die Zukunft der Menschheit viel zu selten auf ihren Listen stehen.
Vielleicht muss es erst im Sommer noch viel, viel heißer werden …
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Foto Screenshots Zeitungen: Jamin
Fotoporträt Jamin: Fyeo

