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Exklusiver Buch-Abdruck: Die ganze Wahrheit über den Düsseldorfer Handke-Heine-Preis-Skandal 2006 – Kapitel 2 / Die Debatte: Ein Dichter und viele Richter

Im Mai vor 20 Jahren – und in den Monaten danach – erschütterte ein Riesenskandal die literarische Welt: Eine Jury der Stadt Düsseldorf hatte dem Dichter Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis und das damit verbundene Preisgeld von 50.000 € zugesprochen. Doch der Preis wurde dem Dichter bis heute nicht überreicht. Ich habe damals, 2006, darüber ein polemisch-unterhaltsames Buch veröffentlicht: „Der Handke-Skandal – wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte.“  Jeden Samstag veröffentliche ich daraus ein weiteres Kapitel.

Buchabdruck „Der Handke-Skandal“: Kapitel 2 / Die Debatte: Ein Dichter und viele Richter

Der Heine-Preis 2006 kam gerade recht, um im schläfrigen Literatursommer die Kritiker aus den Hängematten zu treiben. Erst rumorte es in den Medien, dann wurde ein Trommelfeuer daraus. Und dann war es fast wie im Krieg – Dichter  und Jury-Mitglieder gerieten zwischen die Fronten. 

Nie waren die Methoden in einer Literatur- und Kultur-Debatte brutaler als in dieser. Nach dem Aufschrei der Feuilletonisten über Handkes Wahl, brachten sich Politiker in Düsseldorf und Berlin in Stellung und schlugen auf alles ein, was nicht in Deckung ging: Dichter wie Denker und manch wirklich Dusselige, befanden sich plötzlich im Kreuzfeuer von im Nahkampf geübten Politkanonieren.

Brisante Hintergründe

Die Hintergründe dieser Debatte waren hochpolitisch wie brisant. Da vermischten sich persönliche Empfindlichkeiten und Empfindungen mit parteipolitischen Interessen, mit den Niederlagen und Toten auf den jugoslawischen Kriegsschauplätzen und dem Krisenmanagement einer umstrittenen Europa- und Weltpolitik. Als wären das nicht schon der Anforderungen genug, thronte über allem noch ein sehr ungleiches Trio, dessen Namen mit dem Heine-Preis 2006 eng verbunden sind: Heinrich Heine steht für Zivilcourage, Völkerverständigung und Menschenrechte, ein Peter Handke für die Freiheit des Worts und des Eigensinns und der Unbeugsamkeit und ein Slobodan Milosevic für Krieg, Unterdrückung, Mord und Vergewaltigung. 

Lothar Schröder, der Literaturkritiker der „Rheinischen Post“ in Düsseldorf, bezeichnete die Anfänge des Streits noch als eine „Dorfposse“. Doch dann mischten sich alle großen, wenn nicht die größten deutschen Feuilletonisten ein, und diese Republik der Feuilletonisten –  hier die wenigen Handke-Fürsprecher, dort seine übermächtigen Gegner – stürzten sich mit nachvollziehbar großem schreiberischen Vergnügen auf alle sichtbaren und denkbaren Facetten des Streits. 

Spiegel: Skandal mit Ansage

Ihre Headlines und Einordnungen zeugen von der großen Bedeutung des Preises wie der Debatte: Für Spiegel-Redakteur Mathias Matussek war es ein „Skandal mit Ansage – eines der bizarrsten Spektakel der letzten Jahre“. Eine „Kulturpolitische Bruchlandung des Jahres“ resümierte die „Rheinischen Post“. „Ein unglaubliches Schauspiel“ erkannte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „Kultureller Streit, wie ihn Deutschland seit langem nicht erlebt hat“ kommentierte die „Welt am Sonntag“.

Was wirklich im Verlauf dieser, nach Meinung der Zeit „hitzig geführten“ Debatte geschah, soll ein kleiner chronologischer Überblick geben. Denn man muss die Details kennen, um einschätzen zu können, warum sich aus der knappen Mitteilung aus dem Rathaus der Stadt Düsseldorf eine so breite, nationale Literaturdebatte entwickeln konnte und es ganz und gar nicht so würdevoll zuging, wie es sich Düsseldorfs Oberbürgermeister zum Ende des Heine-Jahres 2006 erhoffte.

Chronik eines Skandals

23. Mai 2006: Die Stadt Düsseldorf gibt die Entscheidung der Jury des Heine-Preises 2006 bekannt, den Dichter Peter Handke auszuzeichnen.

24. Mai: Die Medien veröffentlichen erste, meist neutrale Meldungen und Berichte zur Jury-Entscheidung. Gern spricht man von einem „umstrittenen“ Autor. Die „Rheinische Post“ bietet auf der Kulturseite erste Hintergründe zu der „prekären Entscheidung“. Peter Handke erklärt, dass er den Heine-Preis mit Freuden annehmen werde.

25. Mai: Die „Rheinische Post“, deren Zentralredaktion in Düsseldorf sitzt, versammelt auf der „Seite 3“ Reaktionen aus Berlin, Brüssel, Paris und anderen Städten ein – meist kritische Stimmen. Im Kommentar bezeichnet die RP die „unsensible“ Entscheidung der Jury als einen „Skandal angesichts der Toten des Balkankrieges“. Am Nachmittag spricht das Deutschlandradio „von einer umstrittenen Ehrung für einen umstrittenen Schriftsteller“ und bezeichnet die Jury-Entscheidung als „Missbrauch Heinrich Heines“.

26. Mai: Der Schriftsteller Christoph Buch schreibt in der „Welt“: „Es ist die falsche Entscheidung zur falschen Zeit am falschen Ort.“

27. Mai: Die „Süddeutsche Zeitung“ fragt: „Ist Peter Handkes Eintreten für Serbien preiswürdig?“ Der Literaturkritiker Hubert Spiegel stellt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ fest: „Heine wird verhöhnt.“ Er zitiert den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: „Die Auszeichnung … ist eine empörende Beleidigung und Verhöhnung des Dichters Heine.“ Grünen-Fraktionschef Kuhn fordert Düsseldorf auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. Eine Preisverleihung an Handke sei eine Verhöhnung des Dichters Heine. Es mehren sich die Stimmen gegen Handkes Wahl. 

29. Mai: Peter Handke regiert in der FAZ und bemüht sich um „Richtigstellung zu den der Zeitung unterlaufenen Irrtümern“. „Heine-Preis wackelt“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Jury-Mitglied Christoph Stölzl gibt öffentlich zu, dass sich die „Jury nicht historisch kritisch mit den vorliegenden serbischen Aufsätzen von Handke beschäftigt hat“. Kippt die Entscheidung, fragt die „Welt“: „Der Streit um den österreichischen Schriftsteller eskaliert.“ Die NRW-Grünen fordern eine öffentliche Debatte über die Aufgaben der Kultur und der Literatur in der Demokratie. Die NRW-SPD bezeichnet die Begründung der Jury als „zynisch“ angesichts der Opfer des Balkankrieges. 

30. Mai: „Kulturzeit“-Redaktionsleiter Armin Conrad mahnt in 3Sat: „Peter Handke ist kein Verbrecher!“ Der Europa-Chef der  in Düsseldorf ansässigen Werbeagentur Grey, Bernd M. Michael, empfiehlt: „Um relativ geräuschlos aus dem Hickhack herauszukommen, wäre es das Beste, Handke dazu zu bringen, auf den Preis zu verzichten.“

31. Mai: Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt: „Schlimmer hätte es für Peter Handke nicht kommen können: Wie man eine Jury, einen Preis und einen Autor beschädigt.“ Die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Düsseldorfer Stadtrat wollen das Votum für Handke nicht akzeptieren; in einer Ratssitzung soll die Entscheidung der Jury gekippt werden. Der Suhrkamp-Verlag kritisiert die Entwicklung der Diskussion. „Schon möglich“, schreibt der Satiriker Wiglaf Droste in der taz, „dass Peter Handke einen Dachschaden hat“.

1. Juni: Peter Handke gibt in der „Süddeutschen Zeitung“ eine Stellungnahme ab und mahnt: „Hören wir einander endlich zu, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und -zuheulen.“ Die Reaktion: „Was bleibt von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke“, fragt der Schriftsteller Botho Strauß besorgt in der FAZ. „Kein Heine-Preis für Handke?“, fragt die „Süddeutsche Zeitung“ und verweist darauf, dass „der Düsseldorfer Stadtrat verhindern will, was eine unabhängige Jury beschlossen hatte“.

2. Juni: Peter Handke schreibt an den Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin einen Brief, der als Verzicht des Dichters auf den Preis interpretiert wird. Allerdings sagt Handke das mit keinem Wort. Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler und der Wissenschaftler Jean-Pierre Lefèbvre treten aus der Heine-Preis-Jury aus. Die „Rheinische Post“ kritisiert, dass sich der Rektor der Heine-Universität, Alfons Labisch, seit Beginn des Streits verleugnen lässt und untergetaucht ist, ohne Stellung zu beziehen. Die internationale Schriftstellervereinigung PEN nennt die Debatte ein „unwürdiges Schauspiel“. Der Regisseur Wim Wenders merkt an, dass über Handke auch Menschen richten, die nicht ein einziges seiner Bücher gelesen haben.

3. Juni: Die Debatte erreicht die Kommentar-Seite 4 der „Süddeutschen Zeitung“. Gustav Seibt nennt Handkes Wahl einen „absichtsvollen Missgriff“.

9. Juni: Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek spricht von einer „Hetze“ gegen Handke.

Wer nicht abwarten möchte und alle Kapitel komplett lesen will, hat dazu nur noch begrenzt Gelegenheit: Von dem Buch gibt es noch eine Restauflage. Das Buch kann zum Sonderpreis von 12,60 € inkl. Versand unter folgendem Link beim Magenta-Verlag bestellt werden. https://magenta-verlag.de/produkt/der_handke_skandal/
Wer nicht abwarten möchte und alle Kapitel komplett lesen will, hat dazu nur noch begrenzt Gelegenheit: Von dem Buch gibt es noch eine Restauflage. Das Buch kann zum Sonderpreis von 12,60 € inkl. Versand unter diesem Link beim Magenta-Verlag bestellt werden.

Ein Desaster in Wellen

Das Desaster, das auch bei Redaktionsschluss dieses Buches noch kein Ende gefunden hat, begann langsam, sich ganz langsam aufbauend wie die Wellen eines Tsunami nach einer unterirdischen Erschütterung, die kaum jemand mitbekommt, wenn er nicht mit besonderen Sensoren ausgestattet ist. 

So geschah es auch in Düsseldorf. Die erste öffentliche Bekanntmachung der Entscheidung der Jury wird von leisen kritischen Untertönen begleitet. „Spiegel online“ bezeichnet Handke in der Meldung am 23. Mai 2006 zur Preisvergabe als „umstrittenen Schriftsteller … seit seiner proserbischen Haltung während des Balkankrieges und seinem Einsatz für das serbische Regime“. Und man zitiert, was Handke in der französischen Zeitung „Libération“ äußerte: „Hören wir auf, die Massaker auf die serbischen Militärs und Paramilitärs zu schieben. Hören wir endlich auf die Überlebenden der muslimischen Massaker in den zahlreichen serbischen Dörfern.“ 

Der Kulturredakteur der „Rheinische Post“, Bertram Müller, verstärkte das öffentliche Unbehagen an der Wahl von Peter Handke. Müller merkte an, dass der Preisträger mehrfach das Milosevic-Regime verteidigte und resümierte: „Düsseldorf hat mit seinem Votum für Handke eine nicht nur mutige, sondern geradezu eine wagemutige Entscheidung getroffen. Wenn Kritik heranbrandet, kann die Stadt leicht in Erklärungsnot geraten.“

Existenzkrise der Politik

Der Autor besitzt offensichtlich hellseherische Fähigkeiten, denn in den Wochen danach überschlugen sich die Ereignisse und stürzte die Düsseldorfer Politik an den Rand einer Existenzkrise, die die Stadt dem Vernehmen nach fast den Oberbürgermeister gekostet hätte. 

Die Reportage-Chefin der „Rheinischen Post“, Kathrin Lenzer, schickte zunächst aber Redakteure und Korrespondenten zur Recherche los und löste auf der „Seite 3“ gemeinsam mit den Kollegen dadurch endgültig jene bundesweite Debatte aus, über die dann Handke tief stürzen, Jury-Mitglieder wie Politiker an Ansehen und Reputation gewaltig verlieren und die Stadt Düsseldorf und ihr Heine-Preis in intellektuelle Provinzialität versinken sollten.

„Rheinische Post“ vorneweg

In einer Vorabmeldung an die Presseagenturen schrieb die „Rheinische Post“: „Vertreter von Bundestag und Europäischer Union haben die Stadt Düsseldorf kritisiert, weil sie Peter Handke den Heine-Preis zuerkannt hat. Der österreichische Autor und Dramaturg habe die bedeutendste Auszeichnung der Landeshauptstadt nicht verdient, weil er öffentlich für den serbischen Diktator Slobodan Milosevic Partei ergriffen habe, hieß es. ’Ich halte die Entscheidung für sehr problematisch. Man beleidigt damit die vielen Toten’, urteilte Erhard Busek, Ex-Vizekanzler Österreichs, heute EU-Beauftragter für Südosteuropa. Auch Ruprecht Polenz (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, sowie Hans-Joachim Otto (FDP), Vorsitzender des Bundestags-Kulturausschusses, meldeten Bedenken an. Handke habe unbeirrbar seine Nähe zu einem Diktator und zu einem Land, das schwere Menschenrechtsverletzungen begangenen habe, ausgedrückt. Das sei eine Belastung. Die Düsseldorfer Schriftstellerin Ingrid Bachér nannte die Entscheidung der Jury ‚eine Katastrophe’. ‚Emma-Chefredakteurin Alice Schwarzer ergriff hingegen Partei für Handke, ‚Handkes Mut hätte Heine vermutlich beeindruckt.’.“

Dichter Handke und Diktator Milosevic

Der Außenpolitiker der „Rheinischen Post“, Godehard Uhlemann, ordnete in seinem Kommentar die Verleihung des Heine-Preises an den ehemaligen Düsseldorfer Mitbürger Handke in das Weltgeschehen ein: „Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wartet noch immer auf General Ratko Mladic und Radovan Karadzic, denen der nach Ende des Zweiten Weltkriegs größte Massenmord in Europa zugerechnet wird. In Srebrenica waren über 8000 Moslems hingemetzelt worden. Die EU hat nun die Verhandlungen mit Serbien gestoppt, weil Serbiens Zusammenarbeit mit Den Haag mangelhaft ist. Was hat das alles mit dem Heine-Preis an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke zu tun? Viel. Peter Handke hat wie kein anderer die jahrelange brutale Politik des wegen Völkermords in Den Haag angeklagten ehemaligen Diktators Slobodan Milosevic verteidigt. Nach dessen Tod vor kurzem war Handke an dessen Grab geeilt. Man kann über das Nato-Bombardement unterschiedlich urteilen, das Milosevic 1999 in die Knie zwang und die Vertreibungen aus dem Kosovo stoppte. Nicht aber über dessen Aggressionspolitik. Wenn nun Düsseldorf seinen einstigen Bürger den Heine-Preis zuerkennt, dann kann es nicht den literarischen Handke ehren und vom politischen Handke abkoppeln. Das untergräbt jede Moral, und es ebnet politische Verantwortung ein. Düsseldorfs unsensible Entscheidung ist ein Skandal angesichts der Toten der Balkankriege.“

Heine-Preis auf Abschussliste

Ab diesem Zeitpunkt war der Heine-Preis 2006 zum Abschuss freigegeben. Tageszeitungen und Rundfunksendungen zitierten die „Rheinische Post“, dann setzen sich Deutschlands Feuilletonisten wie auf Kommando an ihre Computer und begannen, die Wahl des Heine-Preisträgers 2006 zu analysieren, kommentieren und kritisieren. Ein Trommelfeuer aus brillantem Journalismus, durchsichtigem Literaturklatsch und gezielten Gehässigkeiten setzte ein – eine aufregende Mischung in dem an Höhepunkten armen deutschen Literatursommer.

Noch am Abend gaben im Deutschlandradio der Moderator Stefan Koldehoff und der Literaturkritiker Hubert Winkels die Diskussion vor offenem Mikrophon die Richtung vor. „Diesen Preis an Handke zu verleihen, ist ein Schildbürgerstreich“, urteilte Winkels. Die beiden Literaturszene-Kenner erinnerten Publikum und Kollegen daran, dass die „Comédie Francaise“ in Paris gerade erst ein Stück von Handke vom Spielplan verbannt hatte, um gegen Handkes „beinahe eiferndes pro-serbisches und antimuslimisches Engagement“ zu protestieren. 

FAZ: Heine wird verhöhnt

Gut munitioniert meldeten sich die Großfeuilletonisten aus den überregionalen Tageszeitungen zu Wort. Johannes Willms, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ erinnerte daran, dass Handke auf dem Höhepunkt des Jugoslawienkrieges in einem TV-Interview geklagt hatte, dass die Serben „noch viel mehr Opfer als die Juden“ seien. Handke revidierte später zwar seine Einschätzung, doch seine Äußerung geisterte auch weiterhin und auch in diesen Tagen durch die Medien. 

„Heine wird verhöhnt“, klagte der Literaturkritiker Hubert Spiegel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, „die Düsseldorfer Entscheidung ist verstörend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschädigen.“ Und die Autorin der „Frankfurter Rundschau“ warnte: „Oh je, die Kunst ist in Gefahr: was der Heine-Preis offenbart.“

Dass der 63-jährige Handke den überhaupt annehmen wollte, war schon eine kleine Sensation. 1999 hatte der Dichter wegen des Bombardements von Belgrad durch die Nato den Büchner-Preis zurückgegeben und verkündet, er werde keinen Preis mehr annehmen, weil er niemals mehr öffentlich „sein Idiotentum“ zeigen wolle.  Doch jetzt telefonierte er mit Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin und dankte ihm für die Zustimmung zu seinem Werk, worauf sich „Spiegel“-Redakteur Matthias Matussek fragte, ob Handke „finanziell bedürftig“ sei.

Grüne: Schäbige Preisverleihung

Das Gespräch war noch nicht verklungen, da meldete sich der Berliner Politiker Fritz Kuhn, Fraktionschef von Bündnis 90 / Die Grünen im Bundestag, zu Wort und forderte die Stadt Düsseldorf auf, die Entscheidung für Handke rückgängig zu machen. „Es ist empörend, dass sich in Deutschland Künstler und Intellektuelle für diese schäbige Preisverleihung hergeben“, klagte Kuhn und bezeichnete die Entscheidung als „einen Skandal“. Der Dichter habe sich in zahlreichen Texten und zuletzt in einer Grabrede zu dem serbischen Diktator Milosevic bekannt. 

Dem folgten dann Tag für Tag die Reaktionen von prominenten Dichtern und Schriftstellern und ihren Künstlerkollegen, von Prominenten und Politikern und selbsternannten Heine-Experten und Leserbriefspalten füllen sich mit Empörung. Einen „kruden Fakt … eine Mischung aus Posse und Wahn, Ignoranz und Arroganz, typischer Elitenblindheit“ nannte die Redakteurin und Online-Autorin des Berliner „Tagesspiegel“, Caroline Fetcher, die Wahl des „poetischen Grabredners des wegen Völkermord und Massenmordes angeklagten Milosevic“. Für sie holpert die Kulturrepublik über Stock und Stein: „Heinrich Heine würde wohl händeringend davonrennen, wenn er von dieser Verleihung in seinem Namen hören könnte.“

Heinrich Heines Namen missbraucht

„Ein fragwürdiges Signal“ nannte der Schriftsteller Hans Christoph Buch, „die falsche Entscheidung zur falschen Zeit am falschen Ort und die Begründung der Juroren. Dann erzählt er von Handkes Schuld: „Die Begründung der Juroren, Handke verfolge ,’eigensinnig wie Heinrich Heine den Weg zu einer ‚offenen Wahrheit’ klingt wie blanker Hohn: Sowohl im Hinblick auf Heine und dessen unbeirrbares Eintreten gegen nationalen Chauvinismus, für Freiheit und Toleranz, als auch mit Blick auf die extremistischen Positionen, die Handke während des Balkankrieges bezog und in die er sich bis zum Delirium hineingesteigert hat. Es begann 1992 mit der Verhöhnung der Opfer des Lagers Omarska, über die Maggiue O’Kean vom britischen ,,Guardian“ unter Lebensgefahr berichtet hatte und über die Handke sich lustig machte mit dem Satz: ,’Wohl wirklich leidend, posieren sie.’ Die anstößige Formulierung ließ er dann aus der Buchausgabe seines ersten Jugoslawientextes wohlweislich weg. Und es ging weiter während des Kosovo-Kriegs mit der Beschimpfung von NATO-Piloten als Marsmenschen und grüne Killer, deren Einsatz Handke als ‚etwas so katastrophal Schmutziges wie seit Hitler nicht mehr’ bezeichnete. Zitat: ,’Damals waren es Gashähne und Genickschussanlagen; heute sind es Computer-Killer aus 5000 Meter Höhe.’ Im gleichen Atemzug verunglimpfte er westliche Journalisten pauschal als ,,Zeitungsratten“ und nahm den ehrenrührigen Vergleich selbst dann nicht zurück, als der junge ,,Stern“-Reporter Gabriel Grüner zusammen mit seinem mazedonischen Übersetzer von serbischen Heckenschützen mit Schüssen aus einem Dragunov-Präzisionsgewehr exekutiert wurde.“

Sogar die Gesellschaft für bedrohte Völker bezeugte Entsetzen. Handke habe sich zum literarischen Sekundanten von extremem Chauvinismus, so genannter ethnischer Säuberung und Völkermord gemacht. „Es ist unfassbar, dass die intellektuelle Unterstützung von Völkermord belohnt werden sollte“, klagte Generalsekretär Tilman Zülch. „Der Skandal ist umso größer, weil dafür der Name eines der bedeutendsten deutschen Dichter, des Juden Heinrich Heine, missbraucht werden sollte.“

Kein Blut an Handkes Händen

Bei so viel Stimmungsmache gegen den Preisträger gingen die wenigen positiven oder verhalten gutmütigen Reaktionen im Stimmengewirr unter. RP-Kritiker Müller hatte schon in der ersten Phase einen Heine-Experten, den Leiter des Düsseldorfer Heine-Instituts, Joseph A. Kruse, befragt. „Er sei weder ein großer Kenner noch ein großer Anhänger von Handke, jubele daher nicht, können aber mit der Entscheidung leben“, zitiert Müller den Experten, „Kruse leitet Handkes Begeisterung für das einstige Jugoslawien aus dessen Faszination von der Habsburger Monarchie her und glaubt in der Preisvergabe ein Zeichen zu erkennen, dass die Unabhängigkeit der Literatur hervorheben will. Handke sei des Heine-Preises würdig; schließlich klebe an seinen Händen kein Blut“.

„Ich finde, Handke ist ein Dichter, der schreibt und außerdem politische Ansichten hat, über die man mehr als nur streiten kann. Aber für die streitbaren politischen Ansichten wird er nicht prämiert, sondern für seine schriftstellerische Leistungen“, drückte sich SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose diplomatisch aus. Auch sein Parteikollege Karsten Rudolph meinte: „Die Jury würdigt das schriftstellerische Gesamtwerk.“ Und der NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart hielt die Handke-Ehrung für angemessener „als wenn ein Schriftsteller wegen politischer Äußerungen von der Bühne abgesetzt wird, wie in Frankreich geschehen“.

Suhrkamp: Druck einer Kampagne

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz wertete die Verleihung des Heine-Preises für Handke als „Auszeichnung“, die Absetzung seines Stücks in Paris als „Zensur“. Eine Folge der Anwesenheit des Dichters beim Begräbnis von Milosevic. „Geschickt war das nicht“, sagt die Autorin, „aber soll ein Autor geschickt sein? Soll ein Autor schon Anpassungspakete schnüren? Es war kein Sieger, der da stand, es war ein trauernder Mensch, und das Recht muss er schon haben“.

Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz, Handkes Verlegerin, warnte davor, ihrem Dichter den Preis zu verweigern: ‘Eine politische Institution beugt sich dem Druck einer Kampagne, die Peter Handke diffamiert. Wenn es nicht zu einem öffentlichen Aufschrei führt, dass einer der größten Dichter derart geächtet wird, ist das ein Zeichen für den drohenden Bankrott unserer Kultur.‚

Jelinek: Das Geheul schwillt an

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verteidigte Handke: „Was soll man sagen? Ich überlege, was ich zu Handke sagen könnte, während das Geheul und Gebell rundherum anschwillt. Ich bin versucht damit anzufangen, dass ich politisch in Bezug auf Serbien nicht seiner Meinung bin, dass ich das Eingreifen fremder Mächte bei drohendem Völkermord, den ich damals am Balkan gesehen hatte, auch völkerrechtlich gedeckt fand und immer noch finde, aber schon das ist eine Falle, in die ich nicht laufen müsste, nicht einmal dürfte. Ich muss meine politische Position nicht darlegen, um meine Besorgnis über die wachsende hysterische Hetze gegen einen Dichter artikulieren zu dürfen … Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt. So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, nämlich möglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hört man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.“

Doch trotz der positiven Anmerkungen überwogen die Meinungen der Handke-Gegner. Literaturnobelpreisträger Günter Grass gab der Debatte den Rest: „Handke hat immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen … Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Geniebonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen.“

(Ende des 2. Kapitels aus dem Sachbuch „Der Handke-Skandal“. Fortsetzung mit Kapitel 3 am Samstag, 6. Juni 2026)

Fragen ohne Antwort an Düsseldorfs Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller

Anfang Mai 2026 habe ich den Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller einige Fragen zum Handke-Heine-Preis-Skandal geschickt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten. Die Fragen:

  1. Ist der Dichter Peter Handke Preisträger des Heine-Preises 2006 – oder nicht?  
  2. Sollte die Stadtverwaltung oder der Stadtrat von Düsseldorf nach 20 Jahren nicht eine klare Lösung für diese Frage finden? Bislang hat sich ja noch kein städtisches Gremium, weder Rat der Stadt noch der Kulturausschuss, mit der Frage befasst, ob Peter Handke Heinrich-Heine-Preisträger ist oder nicht.
  3. Warum ist die Information über den Heine-Preis auf der Website duesseldorf.de so begrenzt? Dort finden sich nicht einmal die Namen der bisherigen Preisträger*innen, die nicht nur den Preis selbst, sondern auch das Kulturleben in der Landeshauptstadt „schmücken“ würden.
  4. Hat die Stadtverwaltung eventuell wegen der ungeklärten Frage der Preisträgerschaft von Peter Handke auf eine Aufzählung der Preisträger verzichtet?

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Foto Buch Der Handke-Skandal: Jamin

Fotoporträt Jamin: Fyeo

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