Im Mai vor 20 Jahren – und in den Monaten danach – erschütterte ein Riesenskandal die literarische Welt: Eine Jury der Stadt Düsseldorf hatte dem Dichter Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis und das damit verbundene Preisgeld von 50.000 € zugesprochen.
Doch der Preis wurde dem Dichter bis heute nicht überreicht. Ich habe damals, 2006, darüber ein polemisch-unterhaltsames Buch veröffentlicht: „Der Handke-Skandal – wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte.“ Jeden Samstag veröffentliche ich daraus ein weiteres Kapitel.
Buch-Abdruck Kapitel 3:
Das dürfen Düsseldorfs Politiker für sich verbuchen: Sie haben das Ansehen des Heine-Preises so richtig zerstört – und mussten nicht einmal sehr viel dafür tun. Nicht Handkes Werke lesen, nicht die Heine-Preis-Satzung studieren, nicht das Gespräch mit dem Dichter oder Jury-Mitgliedern und erst recht nicht das Gespräch mit den Düsseldorfer Bürgern suchen. Die Politiker konnten sich schlicht auf das beschränken, was sie immer wieder ganz gerne tun: sich nicht lange mit Inhalten und Diskussionen aufhalten, sondern Parolen propagieren und diese durchpeitschen.
Die Werke Handkes wurden nicht gelesen und diskutiert, sein Handeln im verflogenen Pulverdampf der jugoslawischen Kriege wurde nicht analysiert. Erst wurde Handke als Diktator-Freund verächtlich, dann die Preis-Jury als inkompetent niedergemacht. Die Lösung, die die Düsseldorfer Politik aus dem Hut zauberte, verschob die Probleme von der Tagesordnung auf die Agenda für das nächste Jahr.
Entscheidung ein Skandal
Der Grünen-Politiker Fritz Kuhn gab von Berlin aus die Richtung vor: Die Entscheidung für Handke sei ein „Skandal“. Dem folgten sehr schnell auch die Lokalpolitiker. „Walburga Benninghaus und Annette Stedler erklärten für die SPD, man sehe den Preisträger sehr kritisch. Auch für die Grünen ist das Votum für Handke nicht nachvollziehbar“, fasste der Düsseldorfer RP-Redaktionsleiter Hans Onkelbach die Stimmung auf der politischen Bühne zusammen, „regelrecht empört reagierte die FDP: Die Liberalen werfen Handke ein ‚undifferenziertes, geschichtsfälschendes Gesellschaftsbild’ vor und lehnen es ab, einen Autor zu honorieren, der „sich mittels seines Bekanntheitsgrades einem Autoritären, verbrecherischem System andienst’“.
Statt Heine und Handke zu lesen und dann das Gespräch mit den Jury-Mitgliedern und Handke zu suchen, um eine stilvolle, dem Thema angemessene Lösung zu finden, fuhr die Politik sofort ihre schwersten Geschütze auf. „Wir werden das Geld nicht zur Verfügung stellen“, kündigte der Geschäftsführer der FDP-Ratsfraktion, Manfred Neuenhaus, an. In der CDU-Fraktion gebe es keine Mehrheit für Handke, berichtete Jury-Mitglied und Bürgermeister Dirk Elbers. Und auch die Bürgermeisterin Gudrun Hock, eine SPD-Frau, reagierte knapp auf die Handke-Wahl: „Unsensibel.“
Profilierungssucht der Politiker
Die Politik agierte auf die gleiche Weise, nach der auch sonst politische Themen gehypt und wieder gekippt werden. Einzelne Politiker erheben ihre Stimme und platzieren Statements in den Medien in der Hoffnung, so möglichst schnell und bequem öffentlich an Profil zu gewinnen. Treffen ihre Wortmeldungen auf positive Resonanz, ziehen die Parteienstrategen mit Grundsatzstatements und Leitlinien so lange nach, bis das Thema durch ist – dieses Mal eben beim Heine-Preis.
Diese Profilierungssucht von Politikern und Parteien stimmt Wähler zunehmend missmutig. Die Medien indes leben davon. Doch selbst deren Vertreter verspürten in der Heine-Preis-Debatte wachsenden Unmut. Bekamen sie doch das Gefühl, dass die Politik den Bogen hier überspannt habe. Sie hatte zwar auf den Dichter Handke gezielt, aber dabei auch den Heine-Preis und letztlich Düsseldorf selbst getroffen. Journalisten schrieben plötzlich bissige Kommentare.
Schaden durch haltloses Quatschen
„So geht das nicht. Dass sich jetzt Politiker reihenweise zu Wort melden und die Preisvergabe als ‚schäbig’, ‚nicht denkbar’ oder ‚unsensibel’ kritisieren, während sie zugleich keinen Zweifel daran lassen, die inkriminierten Schriften Peter Handkes nie gelesen zu haben“, rügte der SZ-Autor Thomas Steinfeld in einer Abrechnung über „Das Selbstläufertum der üblen Nachrede“: „Wenn die Düsseldorferin Marie-Agnes Strack-Zimmermann behauptet, Peter Handke habe ‚Mord, Vertreibung, Massenfolter und Vergewaltigung’ relativiert, dann irrt sie.“ Für Steinbach kam in Fahrwasser des Heine-Preises einiges zusammen: „Fehlende Sachkenntnis, Mangel an Anstand und Urteilsvermögen, Opportunismus. So groß ist der nun durch haltloses Quatschen eingetretene Schaden, dass es schon kaum mehr lohnt, nach einzelnen Fehlern zu suchen.“
„Politiker gebärden sich als Literaturkritiker, ohne die strittigen Texte überhaupt zu kennen“, klagte der Generalsekretär des PEN-Zentrums, Wilfried F. Schoeller, einer der bedeutendsten Schriftstellervereinigungen der Welt, „der Stadtrat von Düsseldorf mischt sich in die Entscheidung einer unabhängigen Jury ein, die von der Stadt selbst berufen worden ist“. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse sprach von einem „unglaublichen Skandal“, seine Kollegin Marlene Streeruwitz bezeichnete die Aberkennung der Auszeichnung für Handke „das Ende der Aufklärung“ und „das Ende der Kunst, wie wir sie kennen“.
Kein Handke-Buch gelesen
Die Schauspielerin Käthe Reichel motzte über die Politik: „Das ist ein heuchlerisches Fußballspiel, ein Foulen.“ Handke sei ein großer Schriftsteller und Sprachschöpfer.
„Über den Autor Peter Handke richten auch Menschen, die nicht ein einziges seiner Bücher gelesen haben“, zürnte der Regisseur Wim Wenders und empfahl den Düsseldorfer Politikern, Handkes Bücher zu lesen.
Sogar Düsseldorfs Oberbürgermeister, gesegnet mit dickem Fell und starken Ellenbogen, reagierte erschrocken, als er die Äußerungen seiner Ratskollegen zu Handke hörte und nannte es „Zensur“, als die Kollegen aus der Politik drohten, den Preisträger in einer Ratssitzung zu kippen.
Widerspruch zu Heines Geist
Aller Kritik zum Trotz: Düsseldorfs Politiker nutzten den Heine-Preis weiterhin für Partei- und persönliche Profilierung. Für die SPD-Ratsfraktion stand die Jury-Entscheidung in eklatantem Widerspruch zu Heines Geist.
Als wollte die politische Entscheidung des Rates, Handke als Preisträger zu kippen, schon durch die Wortwahl vorbereiten, nannte die SDP das Jury-Votum nur „Vorschlag der Jury zur Verleihung des diesjährigen Heine-Preises“. Man ignorierte einfach, dass die Pressemitteilung aus dem Rathaus Handke ohne Einschränkung als Preisträger proklamiert hatte.
Rat muss Verantwortung wahrnahmen
In die Diskussion selbst brachte man nichts Neues, sondern wiederholte die wieder und wieder verbreitete Kritik. „Nicht akzeptabel und im Einklang mit den Preisbestimmungen ist Handkes Eintreten für Milosevic und sein Regime, in dem alle Grundrechte, für die Heine sich engagierte, mit Füßen getreten werden. Denn ausdrücklich soll der Preis an ‚Persönlichkeiten verliehen werden, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen…’, schrieb die Düsseldorfer SPD-Politikerin Annette Steller auch im Namen ihrer Parteikollegen:„Um die bisherigen und zukünftigen Preisträger nicht zu beschädigen, muss der Rat seine Verantwortung wahrnehmen, denn letztlich handelt es sich um einen Preis, den der Rat vergibt. Die SPD-Fraktion wird einer entsprechenden Verwaltungsvorlage nicht zustimmen. Sie weiß sich in dieser Haltung einig mit vielen Menschen innerhalb und außerhalb Düsseldorfs, die zu Recht an Handkes demonstrativer Nähe zu Slobodan Milosevic Anstoß nehmen. Aus Sicht der SPD-Fraktion ergibt sich aus der Ablehnung des Jury-Vorschlags zwangsläufig, dass es im Jahr 2006 keine Heine-Preisträger geben kann.“
Die Jury wurde mundtot gemacht
Die Düsseldorfer Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen blies nicht nur ins gleiche Horn, sie reklamierte auch noch die Urheberschaft der ganzen Literaturdebatte für ihre Partei und Ratskollegen. Ganz offensichtlich hatten die Grünen da noch nicht erkannt, dass diese politische Diskussion zwar Schlagzeilen, kaum aber Anerkennung einbringen würde. Vielmehr merkte auch der unbedarfte Leser sehr schnell, dass hier eine Jury mundtot und deren unliebsame Entscheidung in der Dunkelkammer der Demokratie verschwinden sollte.
Niemand versuchte auch, die Düsseldorfer Bürger etwa durch spezielle Veranstaltungen zum Thema in die Debatte einzubeziehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst eine Meinung zu bilden. Auch die Grüne-Ratsfrau Karin Trepke – qua Partei doch eigentlich der Basisdemokratie mehr zugetan als andere – dachte nicht daran: „Die Entscheidung der unabhängigen Jury, den diesjährigen Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf an Peter Handke zu verleihen und die Weigerung der Grünen Ratsfraktion (und anderer Fraktionen), diese Entscheidung mit zu tragen, hat in der gesamten deutschen (und österreichischen) Kulturwelt eine kontroverse Debatte ausgelöst. Die Entscheidung der Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Rat wurde nach einer intensiv geführten Debatte am Montagabend einstimmig gefällt: Wir werden das Votum der Jury, den Heine-Preis an Peter Handke zu verleihen, nicht bestätigen. Ausschlaggebend hierfür war letztlich der öffentliche Auftritt von Handke auf der Beerdigung von Slobodan Milosevic in Belgrad und seine dort geäußerte ‚Nähe’ zu Milosevic“.
Politik will sich selbst schützen
Dabei berief sich die Politikerin auf einen Beitrag der Fernsehsendung „Kulturzeit“, in dem der Auftritt des Dichters auf der Beerdigung gezeigt wurde. Um ihre Kritik zu stützen, wärmte Trepke auch noch eine alte Kamelle auf: „In einem Zeitungsinterview am 15. Mai 1999 mit Willi Winkler (…) hat sich Handke zumindest fragwürdig geäußert. Wobei wir hier nicht seine kritischen Äußerungen zum Einsatz der NATO meinen, sondern seinen Vergleich mit Auschwitz und den an anderer Stelle gefallenen Satz, dass Serbien mehr gelitten habe als die Juden im sog. 3. Reich. Auch wenn Handke diese Äußerungen zwischenzeitlich wohl zurückgenommen haben soll, bleibt doch immer noch die Nähe zum Massenmörder Milosevic.“
Man merkt, welche Ziele die Autoren dieser Pressemitteilung verfolgen. Hier soll ein Dichter mit möglichst wenig, aber eindrucksvollen Worten niedergemacht werden. Selbst die ausführliche Korrektur und öffentliche Rücknahme eines Statements wird hier noch einmal bezweifelt. So weit geht Politik, die nur eines zu schützen im Sinn hat: sich selbst.
Handke über eigene Dummheit
In der „Süddeutschen Zeitung“ stellte Peter Handke erneut klar, wie es damals zu dem missratenen Vergleich gekommen war:
„Während der Vorbereitungen des Nato-Kriegs gegen Jugoslawien war ich mehrfach in Rambouillet, und am Ende, angesichts des voraussehbaren Scheiterns der ‚Verhandlungen’, des westlichen Diktats, von einem Belgrader Fernsehsender befragt, habe ich das serbische Volk (in meinem Herzen die Bombardierung, die Besatzung und die Lager, vor allem Jasenovac, das Nazi-Kroatien unter der deutschen Besatzung in Jugoslawien 1941 bis 1944) mit dem jüdischen Volk verglichen. Und da, in meiner, glaub’ mir, Leser, Leserin, Not, in dem Durcheinander in meinem Kopf, habe ich tatsächlich einen Satz gesagt, der in etwa lautete ‚die Serben sind noch größere Opfer als die Juden…’. Von den deutschen Medien später darauf angesprochen, konnte ich nicht glauben, eine derartige Dummheit tatsächlich ausgesprochen zu haben – zumal diese Dummheit überhaupt nicht zu meinem Gefühl im Moment des auf Französisch vor der Kamera abgegebenen Statements passte. Ungläubig hörte ich das Tonband an — und, indeed, ich hatte auf lächerliche Weise die Worte verwechselt. Aber Achtung! Ich habe mich sofort schriftlich korrigiert – und die deutschen Medien haben meine Korrektur veröffentlicht – die Frankfurter Allgemeine Zeitung Wort für Wort — ohne jeden Kommentar – die schriftliche Richtigstellung meiner Verwechslung wurde damals akzeptiert. Warum jetzt nicht mehr?“
Keine Literatur- sondern politischer Preis
Karin Trepke befasste sich, nachdem der Dichter niedergemacht war, mit dem Preis als solchen: „Was den Preis selbst angeht, so muss einiges klargestellt werden: Er ist kein reiner Literaturpreis, sondern hauptsächlich ein politischer Preis. Dies geht schon allein aus der Satzung der Stadt Düsseldorf zum Heine-Preis hervor. In Satz (2) heißt es: ‚Der Heine-Preis wird an Persönlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine immer eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten’. (Satzung im Wortlaut). Aus der Satzung geht ebenfalls hervor, dass der Preis vom Rat der Stadt Düsseldorf verliehen wird, und zwar auf Empfehlung der unabhängigen Jury. Das bedeutet, dass der Rat frei ist, dem Votum der Jury zu folgen oder auch nicht. In diesem Fall wird es der Rat aller Voraussicht nach nicht tun. Insofern gehen alle diejenigen Kritiker fehl, die unsere Ablehnung als literarisch verfehlt kritisieren. Um das literarische Werk von Handke geht es hier nicht… “
Es werden Rechnungen ausgetragen
Die Grünen-Politikerin irrt in Bezug auf die Satzung, was in dem entsprechenden Kapitel noch bewiesen wird. Sie hat Recht, dass der Heine-Preis keine reine literarische Auszeichnung ist. Was die „Welt am Sonntag“-Autorin Christiane Hoffmann in ihrer Kolumne „Kulturspitzen“ bestätigt: „Der Heine-Preis ist kein herkömmlicher Literaturpreis, sondern er will immer auch politische Haltungen würdigen.“ Was hätte sonst auch etwa ein Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Riege der Geehrten zu suchen?
Ein Jury-Mitglied, der Historiker Schoeps, gewann allerdings schon bald den Eindruck, in der Stadt würden Rechnungen ausgetragen. Er bezeichnete die politische Debatte rund um die Düsseldorfer Königsallee als klassisch – ein Streit zwischen den beiden Polen „Dichter“ und „homo politicus“: „Was jetzt in Düsseldorf passiert, ist nicht akzeptabel.“

Entscheidender Brief von Handke
Die Erlösung für die Düsseldorfer Politik kam per Brief. Niemand wird erfahren, ob Peter Handke auf sanften Druck hin diese Zeilen schrieb, ob es die Verärgerung über das Düsseldorfer Ränkespiel war oder einfach eine Laune. Jedenfalls schrieb der Dichter den folgenden Brief. Wer will, mag daraus herauslesen, dass Handke die Ehrung damit zurückwies. Doch sagt er das mit keinem Wort:
„Lieber Joachim Erwin, lieber Oberbürgermeister, ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich Ihnen sagen, welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis mehr erwartet hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milosevic, wie das ja wohl auch Sie sich gewünscht haben. Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk, oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte. Ich bitte Sie – so das in Ihrer Macht steht –, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und stattdessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein. Schade ist vielleicht nur, daß ich im Dezember einiges hätte darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und literarischer Sprache, und daß ich nun in Düsseldorf-Rath sowie in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35, 40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre stehen, der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit, die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen. Herzlich, Ihr Peter Handke.“
OB Erwin verärgert über Geschehnisse
Den Düsseldorfer Oberbürgermeister schien der abfällige Ton des Dichters nicht zu stören, wohl auch nicht, dass seine Kollegen im Stadtrat wie seine Parteifreunde herzhaft von Handke eins drüber bekamen. Erwin schrieb dem Dichter:
„Lieber Peter Handke, kein Picknick für Hasenfüße, die sich in hellem Aufruhr um den kühlen Verstand bringen und in ihrer vorauseilenden Angst panisch alles niedertrampeln. Kein Pardon für solche, die mit großen Brocken hoffen, medienwirksam Löcher einzuebnen, die sie zuvor heimtückisch selbst ausgehoben haben. Doch wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Unkenrufer stellen sich selbst ins Abseits. Die Zeit wird es weisen, lieber Peter Handke, ich bin tief betroffen und verärgert über die unglaublichen Geschehnisse. Welch eine Chance wurde vertan in der zweifelhaften Manier, um jeden Preis und alles in der Welt politically correct dazustehen. Warum beauftragt man eine unabhängige Jury, um deren Entscheidung noch vor jeder ernsthaften Diskussion mit fadenscheinigen Argumenten auszuhebeln? Wieder einmal bewahrheiten sich Nietzsches kluge Bedenken, die er als Untertitel seinem Zarathustra mit auf den Weg gab: ‚Ein Buch für Alle und Keinen’. Will sagen, nicht für jedermann, jedoch für alle, die sich offen damit auseinander setzen. Und für keinen, der in blindem Ressentiment damit umspringt. Es stimmt mich traurig, dass unter den politischen Kräften der Stadt, der ich als Oberbürgermeister die Ehre habe vorzustehen, sich nur so wenige finden, den Dichtern und Künstlern in ihrem eigensinnigen Schaffen Gehör zu schenken. Offenbar fehlt es den meisten an Schneid, die Auseinandersetzung mit einer literarischen Sprache zu suchen, die mit Gewinn wagt, vieldeutig aufzutreten, um Schlaglichter aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit zu werfen. Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen. Und versprechen Sie ihm und mir, nach Düsseldorf zu kommen. Mit Ihnen durch den Hofgarten zu gehen und sich zu besprechen, erscheint mir eine vortreffliche Vorstellung. Ich verstehe Ihren Unmut und den Entschluss, die Posse für sich zu beenden und abzuwinken. Doch seien Sie versichert, die Schelte folgt und wird nicht auf Sankt Nimmerlein verschoben. Herzliche Grüße. Joachim Erwin.“
Unverschämtheit des Oberbürgermeisters
Das ist schlechter Stil. Sicher, das Verhalten vieler Politiker in der Heine-Preis-Debatte war miserabel. Aber man darf ihnen weder das Wort verbieten noch sie zum Picknick schicken. Der Dichter neigte auch hier zum Unpräzisen. Wie schon in seinen serbischen Werken gibt er den Gefühlen mehr Freiheit als den Fakten Raum – hier wäre ein ernstes Wort zur Arbeit einer Jury und ihrer Zensur eher angemessen gewesen. Und auch Erwin hätte, wenn er seine Worte im Brief an Handke ernst gemeint hätte, längst eine Plattform in seinem Ratssaal für das offene, freie Wort schaffen können. Um den Dichtern und Künstlern Gehör zu verschaffen, hätte er nur den Mund aufmachen müssen. Bis zu einem Spaziergang im Hofgarten muss er nicht warten.
Die Geschulmeisterten reagierten entsprechend. Die Ratsmitglieder Marit von Ahlefeld und Günter Karen-Jungen vom „Bündnis 90/Die Grünen“ betrachteten es als eine „Unverschämtheit, wie der Oberbürgermeister in seiner Pressemitteilung die Ablehnung kommentiert. Entschieden weisen wir die Auffassung von Erwin zurück, die Meinungsbildung im Rat sei für Düsseldorf nicht würdig und der Rat hätte den nominierten Preisträger stigmatisiert oder teilweise verleumdet. Für uns ist Milosevic nicht nur ein ‚Begriff’, sondern er steht als Person für die Anstiftung und Vollendung von Massakern im Kosovo. Und ob nun in literarischer oder politischer Sprache geäußert: Die ‚Nähe’ und ‚Treue’ von Handke zu Milosevic und seine Relativierungen der Gräueltaten sind für uns eben unerträglich. Die Ablehnung Handkes und seine Begründung bestätigen uns in unserem Urteil, dass er nicht preiswürdig war. Der Brief von Handke und die Antwort des OB darauf zeigen ein mehr als merkwürdiges Männerbündnis: Handke schlägt dem OB vor, den Stadtrat zum Picknick an den Rhein zu schicken, ein Vorschlag, den Erwin sicherlich liebend gerne aufgreifen würde, wenn er denn könnte. In schöner Eintracht diffamieren beide zudem noch Andersdenkende und im Grunde die Demokratie an sich“.
Jury-Entscheidung ist endgültig
Die Politiker taten, als hätten sie tatsächlich noch ein Wort mitzusprechen bei der Vergabe des Heine-Preises. Sie handelten dabei im Bewusstsein einer Tradition, nach der sich die Ratsmitglieder den bisherigen Jury-Entscheidungen zum Heine-Preis noch immer in einer Sitzung angeschlossen hatten. Doch im Kapitel über die Jury ist nachzulesen, dass eine Jury-Entscheidung laut der vom Rat der Stadt Düsseldorf verabschiedeten Satzung des Heine-Preises „endgültig“ ist – ganz gleich, was Politiker außerhalb und im Rat davon denken und dazu sagen mögen. Von einer Bestätigung des Schiedsspruchs durch den Rat ist in der Satzung nicht die Rede, und wer nun rückwirkend das Wort der Jury-Mitglieder pro Handke annullieren und aufheben will, muss juristische Klimmzüge mit der Gemeindeordnung machen – Streit vor einem Verwaltungsgericht eingeschlossen.
Heine-Preis-Geld für Künstlerstiftung
Vor diesem Hintergrund kam Handkes Schlusswort gerade recht. Die Grüne Karin Trepke prophezeite erleichtert in ihrer Stellungnahme: „Inzwischen hat Handke in einem Brief an den Oberbürgermeister der Stadt die Annahme des Heine-Preises abgelehnt. Die Fraktionen haben nun vereinbart, dass sie nach der Sommerpause miteinander über eine mögliche Änderung oder Klarstellung der Satzung zum Heine-Preis sprechen werden.“
Die FDP-Ratsfraktion schmiedete sofort Pläne, wie das eingesparte Preisgeld verwendet werde könne. Die Fraktionsvorsitzende Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann und ihr Vize Thomas Nicolin stellten einen blumigen Antrag an den „Sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister“ und forderten auf, „die ursprünglich für die Heinrich-Heine-Preis-Verleihung vorgesehenen Mittel in Höhe von 50.000 € der ‚Deutsche Künstlerhilfe’ als Spende zur Verfügung zu stellen“. Ihre Begründung: “Es ist allgemein bekannt, dass Heine in Paris in großer Armut lebte. Zur Erinnerung fügen wir sein ‘Burleskes Sonett’ diesem Antrag bei:
Burleskes Sonett von Heinrich Heine.
Wie nähm die Armut bald bei mir ein Ende,
Wüßt ich den Pinsel kunstgerecht zu führen
Und hübsch mit bunten Bildern zu verzieren
Der Kirchen und der Schlösser stolze Wände.
Wie flösse bald mir zu des Goldes Spende,
Wüßt ich auf Flöten, Geigen und Klavieren
So rührend und so fein zu musizieren,
Daß Herrn und Damen klatschten in die Hände.
Doch ach! mir Armen lächelt Mammon nie:
Denn leider, leider! trieb ich dich alleine,
Brotloseste der Künste, Poesie!
Und ach! wenn andre sich mit vollen Humpen
Zum Gotte trinken in Champagnerweine,
Dann muß ich dürsten, oder ich muß – pumpen.“
Heines Werte gegen Handkes Worte
Das war auch das einzige Mal, dass Heine für die Politiker wirklich eine größere Rolle in diesem Streit spielte. Zwar wurde viel in seinem Namen gestritten, doch explizit konnte und wollte wohl niemand mit Heines Werten gegen Handkes Worte zu Felde ziehen – zumal die Heine- und Handke-Experten sich bei aufkommendem Sturm in ihren gemütlichen, von Staat und Stiftungen finanzierten Denkerklausen zurück gezogen hatten und zu allem schwiegen.
(Ende des 2. Kapitels aus dem Sachbuch „Der Handke-Skandal“. Fortsetzung mit Kapitel 4 am Samstag, 13. Juni 2026)
Fragen ohne Antwort an Düsseldorfs Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller
Anfang Mai 2026 habe ich den Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller einige Fragen zum Handke-Heine-Preis-Skandal geschickt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten. Die Fragen:
- Ist der Dichter Peter Handke Preisträger des Heine-Preises 2006 – oder nicht?
- Sollte die Stadtverwaltung oder der Stadtrat von Düsseldorf nach 20 Jahren nicht eine klare Lösung für diese Frage finden? Bislang hat sich ja noch kein städtisches Gremium, weder Rat der Stadt noch der Kulturausschuss, mit der Frage befasst, ob Peter Handke Heinrich-Heine-Preisträger ist oder nicht.
- Warum ist die Information über den Heine-Preis auf der Website duesseldorf.de so begrenzt? Dort finden sich nicht einmal die Namen der bisherigen Preisträger*innen, die nicht nur den Preis selbst, sondern auch das Kulturleben in der Landeshauptstadt „schmücken“ würden.
- Hat die Stadtverwaltung eventuell wegen der ungeklärten Frage der Preisträgerschaft von Peter Handke auf eine Aufzählung der Preisträger verzichtet?
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Foto Buch Der Handke-Skandal: Jamin
Fotoporträt Jamin: Fyeo

