Im Mai vor 20 Jahren – und in den Monaten danach – erschütterte ein Riesenskandal die literarische Welt: Eine Jury der Stadt Düsseldorf hatte dem Dichter Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis und das damit verbundene Preisgeld von 50.000 € zugesprochen.
Doch der Preis wurde dem Dichter bis heute nicht überreicht. Ich habe damals, 2006, darüber ein polemisch-unterhaltsames Buch veröffentlicht: „Der Handke-Skandal – wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte.“ Jeden Samstag veröffentliche ich daraus – ohne Bezahlschranke – ein weiteres Kapitel.
Am Schluß der heutigen Kapitel-Veröffentlichung gibt es eine Antwort der Düsseldorfer Stadtverwaltung auf meine Fragen an Oberbürgermeister Dr. Keller.
Buch-Abdruck: Kapitel 9
In einem Urteil sind sich viele Beobachter einig: Peter Handkes Teilnahme an der Beerdigung des serbischen Politikers Slobodan Milosevic war zu viel Nähe für einen Chronisten, auch wenn dieser nicht vorgab, die neutrale Beobachterposition einzunehmen.
Die in Serbien sehr populäre Theaterautorin Biljana Srbljanovic, eine erklärte Milosevic-Gegnerin, kritisierte Handke für sein merkwürdiges Engagement für die Serben. Sie kann nicht nachvollziehen, warum der Autor zur Beerdigung von Milosevic nach Belgrad geflogen ist: „Am Tag der Beerdigung von Milosevic, als er hinter dem Sarg von Milosevic lief, mit roten Rosen – da stand ich in Belgrad ein paar Straßen weiter mit der Witwe eines Journalisten, den Milosevic getötet hat. Getötet und aufrecht stehend begraben. Es war wie in einem Horrorfilm. Und zur gleichen Zeit ist Handke da mit seiner verqueren intellektuellen Position und findet es schick – er sagt, er unterstützt die Serben – aber nein, er unterstützt die Serben nicht. Milosevic zu unterstützen, auch wenn er tot ist, heißt gegen das serbische Volk zu sein.“
Handke hat zum Thema Jugoslawien viel Unsinn von sich gegeben und wichtige historische Tatsachen erst spät akzeptiert, meinte der Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Gustav Seibt: „Sein Auftritt in der bizarren Szenerie der Milosevic-Beerdigung mit ihren verbitterten Nationalisten war mindestens deshalb höchst unglücklich, weil man den Elfenbeinturm nicht mit sich herumtragen kann wie einen Mantel.“
Im Gespräch mit dem Autor Volker Weidermann für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ gab Handke Auskunft, warum er an der Beerdigung teilgenommen hatte: „’Ich war wissbegierig. Und ich bin halt ein episches Gemüt. Ich gebe zu, ich bin mit einem ungeheuer mulmigen Gefühl hingefahren. Aber im Nachhinein war es mir recht. Es waren eben nicht nur Fanatiker da und Nostalgiker. Die Bäume waren voll mit jungen Leuten. Und als einige politische Parolen rufen wollten, zischten die Trauernden: Seid still.’ Und natürlich war er auch da, weil Slobodan Milosevic der Repräsentant des alten Jugoslawien war. Mit ihm ist Handkes Land beerdigt worden. Sein Kampf auch? ‚Ich habe geträumt, es ist jetzt zu Ende. Indem ich zum Begräbnis gehe, habe ich es beerdigt.’“
Auch in Düsseldorf gab es neben den Politikerstimmen sehr klare Reaktionen, so schrieb der Vorsitzende des Düsseldorfer Heine-Freundeskreises, Karl-Heinz-Theisen, in einer Stellungnahme: „Ein Schriftsteller mag als Chronist den Spuren eines von allen abgelehnten Gewaltherrschers folgen – um seiner literarischen Arbeit wegen. Aber ein Literat, der unbeirrbar die Nähe zu einem Diktator und einem Land sucht, das schwere Menschenrechtsverletzungen begangen hat und dann diesem mit einer Grabrede noch die letzte Ehre erweist, zeigt zuviel Engagement und Verbrüderung mit dem Verstorbenen. Literatur braucht die Freiheit des Handels auch in ungewöhnlichen Situationen. Aber das Leid der Opfer eines Verbrecherregimes verbietet – das gilt insbesondere für Literaten – die Kumpanei mit den Tätern. Heine war (auch) ein Verfechter von Menschenrechten – eine solche Einstellung mag man bei Handke nicht erkennen“

Der Münchner Rechtsanwalt Peter Gauweiler, einer der populären Politiker der CSU, gehörte zu den wenigen, die sich mit dem Dichter nach dessen Auftritt auf der Beerdigung solidarisch erklärte: „Peter Handke hat am Begräbnis eines Menschen mitgewirkt, den er gut kannte und der zur politischen Unperson geworden war. Dies geht in einem freien Europa niemanden etwas an.“
Kannte Handke den jugoslawischen Politiker wirklich so gut? Wie gut überhaupt? Und ab welchem Bekanntheits- oder Freundschaftsgrad ist der Besuch der Beerdigung eine Geste der Freundschaft und wann ist es eine politische Demonstration? Handke selbst hat nie von einer Freundschaft mit Milosevic gesprochen. Auch schien keine persönliche Beziehung im Privatleben zwischen den Männern zu bestehen. Gauweiler hat offensichtlich auch nicht die Werke Handkes gelesen, sonst wüsste er, dass nicht einmal eine intensive Bekanntschaft zwischen dem Dichter und dem Diktator bestand. Handke selbst schreibt ja in seiner jüngsten Veröffentlichung, der Reiseerzählung „Die Tablas von Damiel“, wie ihn Milosevic bei seinem Besuch im Gefängnis gesehen hat – eben als „Gefangenenbesucher, dem Fremden“.
Das Treffen des Dichters mit dem Untersuchungshäftling Milosevic hatte nicht den Charakter eines Freundschaftstreffens, sondern glich dem Besuch eines Schülers bei seinem Schulmeister „Den ganzen Tag lang erörterte er vor mir jene zwei Ereignisse, die dann, als ab 1991 die Sezessionskriege in Jugoslawien losbrachen, im nachhinein so gedeutet wurden, Milosevic habe diese da, als Redner, als Protagonist heraufbeschworen, angezettelt, angezündelt “, schreibt Peter Handke in seiner Erzählung „Die Tablas von Daimiel“.
Gauweiler, Vorsitzender des Unterausschusses im Bundestag „Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik“ und dadurch wohl auch ein ausgewiesener Experte für deutsche Kultur, äußerte sich auch nicht dazu, dass Handke auch eine Grabrede auf Milosevic’ Beerdigung hielt. Unterstreicht aber nicht gerade eine Grabrede die gute Beziehung des Redners zu einem Verstorbenen, ja wird dadurch nicht in unserem christlichen Abendland eine besondere Nähe und Verehrung ausgedrückt?
Handke selbst schrieb dazu in der „Süddeutsche Zeitung“: „Ja, und ich war in Pozarevac, bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic. … Es war die Sprache, die mich auf den Weg brachte, die Sprache einer so genannten Welt, die die Wahrheit wusste über diesen ‚Schlächter’ und ‚zweifellos’ schuldigen ‚Diktator’, dem noch sein Tod zur Schuld gereichen sollte, weil er sich ‚vor dem Schuldspruch, ohne Zweifel lebenslänglich, weggestohlen’ habe – warum, fragte ich, bedurfte es da noch eines Gerichtes, um ihn schuldig zu sprechen? Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac – in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalität zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalität zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache. Verbreitern wir die Öffnung. Auf dass die Bresche nie wieder von schlimmen oder vergifteten Worten verstopft werde. Hinaus böse Geister. Verlasst endlich die Sprache. Lernen wir die Kunst des Fragens, reisen wir ins sonore Land, im Namen Jugoslawiens, im Namen eines anderen Europas. Es lebe Europa. Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija.“
Wortwörtlich sagte Handke am Grab des verstorbenen Milosevic Folgendes: „Ich hätte gewünscht, hier als Schriftsteller in Pozarevac nicht allein zu sein, sondern an der Seite eines anderes Schriftstellers, etwa Harold Pinter. Er hätte kräftige Worte gebraucht. Ich brauche schwache Worte. Aber das Schwache soll heute, hier recht sein. Es ist ein Tag nicht nur für starke, sondern auch für schwache Worte. Die Welt, die so genannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die so genannte Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die so genannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die so genannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic.“
Wohlgemerkt: Handke war kein Freund, allenfalls ein Bekannter von Milosevic. Er betätigte sich aber als dessen selbsternannter Verteidiger, ohne von dem Angeklagten berufen worden zu sein. Im Gegenteil: Milosevic selbst wollte ihn nur als einen unter 1600 Zeugen vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal zitieren. Chronist der jugoslawischen Kriege und eines Lebensabschnitts von Milosevic war Handke von eigenen Gnaden. Als Chronist nahm er für sich in Anspruch Wahrheit zu sagen, objektiv, so weit es möglich ist objektiv zu sein.
Viel mehr aber zeigte sich Peter Handke als ein Schriftsteller voller Leidenschaft für ein Volk und voller Hilflosigkeit angesichts dessen Schicksals. Möglich, dass er auch ein Opfer seiner Besessenheit von dem Thema Serbien war. Verlierer, der nicht gewinnen kann, weil er sich den Methoden des Journalismus verweigerte. Diese, nicht die noch so guten, schönen, schlauen Gedanken des Dichtens sind es, die Aufklärung in dieser Welt betreiben und – wenig genug – gelegentlich politische und gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen können.
Nicht Dichter decken Skandale auf, stürzen Politiker oder Aufsichtsräte oder gar Regierungschefs. Es sind – wenn überhaupt – immer Journalisten, die Fakten über Zustände sammeln, diese in einen Zusammenhang bringen und analysieren. Stimmungen, Regungen, Meinungen helfen da nicht weiter. Gegen Unrecht wirken nicht schöne Worte, sondern nur Fakten. Für die Leuchttürme unter diesen Journalisten gibt es andere Ehrungen als den Heine-Preis, etwa den amerikanischen Pulitzer-Preis für die Aufklärer des Watergate-Skandals.
Das müsste auch Handke erkennen, wenngleich es auch schmerzhaft für ihn sein muss, dass er mit seinen vielen tausend Sätze über Serbien und die jugoslawischen Kriege zwar einige seiner Fans, aber nicht die Welt bewegen, zum Handeln oder Umdenken verführen kann.
„Warum hat man den Preis nicht an eine Person verliehen, die, wie Heine, nicht nur als brillante Erzählerin bekannt ist, sondern auch als Journalistin, die recherchieren kann und im Prinzip eher auf der Seite der Unterdrückten zu finden ist – nämlich an die Jüdin Irene Dische“, fragte „Spiegel“-Redakteur Matthias Matussek.
„Jeder Künstler, jeder Schriftsteller ist auf eigene Kosten vollkommen frei in dem, was er tut. Fraglich bleibt nur, ob er ausgerechnet einen Preis bekommen sollte, der zu Ehren eines Dichters ausgelobt wurde, der in allem so konträr zu ihm lebte und arbeitete. Heine, wenn er vom Geist der Zeit sprach, meinte nicht bloß den politischen, sondern auch den moralischen und ästhetischen Geist. Heine war human, ein Demokrat, er verspottete die Mächtigen und verabscheute ‚den Nationalhass, der doch nur ein Mittel ist, eine Nation durch die andere zu knechten’, wie er schrieb“, meinte die Düsseldorfer Schriftstellerin Ingrid Bachér: „Liest man dies, versteht man nicht, wieso eine Jury Handke den Heine-Preis zusprach.“
Handke, ein hilfloser Dichter, verirrt und allein gelassen in der Weltpolitik. Auch das hat Handke nicht mit Heine, dem Europäer, gemein. Im Gegensatz zu Heine mag Handke nicht, kann er nicht unterscheiden. Er will nicht einsehen, dass er Journalist werden und mit den Augen des Journalisten sehen müsste, um gehört und von möglichst vielen ernst genommen zu werden. Heine erkannte das; er war auch Journalist und bediente sich der Sprache der Journalisten, die Handke wiederum entschieden ablehnt.
Aber was hat Handke nun mit Heine gemein? Wenn schon nicht die Jury-Mitglieder des Heine-Preises 2006 diese Frage beantworten, wer dann?
Nichts, meint der SZ-Kommentator Gustav Seibt, Handke sei ja auch die falsche Wahl. Er sieht zwei Typen des modernen Dichters in der Welt: „Der Hasser verflucht die öffentliche Rede und ihre Wortführer wegen ihres Sprachverschleißes, ihrer objektiven Verlogenheit in Phrasen und Formeln, ihrer blinden Automatik und auch ihrer oft nicht rechenschaftspflichtigen Macht … Der Spieler dagegen grenzt sich von der Öffentlichkeit nicht ab, er tanzt ihr auf der Nase herum, er provoziert und konsterniert sie durch Witz und Frechheit, er parodiert sie und kommt ihr satirisch, um nur in seltenen Momenten bitterernst und böse zu werden.“
Wenn man diese Unterscheidung akzeptiert, meint Seibt, dann kann man die Verleihung des Heine-Preises an Handke nur einen Missgriff nennen: „Einen Missgriff allerdings nicht aus moralischer oder politischer Sicht, sondern eine Verwechslung in der Kategorie. Denn Handke, der sich selbst als Bewohner des Elfenbeinturms bezeichnet hat, der sprachkritisch begann und die Bahn zu einem nur ihm eigenen Idiom nahm, er gehört als Poet zu den Feinden der öffentlichen Rede und ihrer unvermeidlichen Gebrechen. Heine dagegen war als Ironiker und Aufklärer immer auch ein Journalist, sogar einer, dem man manche Sünden dieses Berufes ankreiden konnte. Man wollte, als man Handke den Heine-Preis zuerkannte, einen Fremdling der öffentlichen Rede im Namen eines Mitspielers der Öffentlichkeit ehren.“
Was haben Handke und Heine aber nun gemein für den, der sich Seibt nicht anschließt? Beide wandten sich unbeirrt mit ihren Meinungen gegen bürgerliche Mehrheiten und gegen Gleichförmigkeit der Gedanken. Sie sind Freunde von Aufmüpfigkeit und Verfechter von Zivilcourage. Sie sind eigensinnig. Nur ihrem Werk verpflichtet. An ihren Vorstellungen von Recht und Moral orientiert sich ihr Schreiben.
Doch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki empört sich: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empörende Beleidigung und Verhöhnung des Dichters Heine.“
Es ist wohl die Nähe Handkes zum serbischen Diktator Milosevic, die den berühmten Kritiker erzürnt. Aber gab es da nicht auch einen Diktator im Leben und Werk Heines? Auch hier gibt SZ-Kommentator Seibt einen Hinweis: „Vielleicht blättert einmal jemand nach, was Heinrich Heine über Napoleon geschrieben hat, über einen Usurpator und Diktator, der fünfzehn Jahre lang ununterbrochen Krieg führte und dabei Hunderttausende ums Leben brachte und der die Völkerverständigung in Europa für Jahrzehnte aufs Schwerste beeinträchtigte.“
Heine wurde im Verlauf der Debatte des Öfteren in die Nähe Napoleons gerückt: Etwa durch Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der im Gespräch mit dem „Zeit“-Autor Christof Siemes feststellte: „Heine ist – wie Goethe übrigens auch – bis zu seinem Tod ein Anhänger Napoleons gewesen. Der Schrecken und der Terror, die Napoleon verbreitet hat, wie er die Armeen auf dem Weg nach Russland verheizt hat – das zählte bei seinen Bewunderern alles nicht. Nach heutigen Gesichtspunkten, unter denen man Handke wegen seiner unsinnigen, einseitigen Parteinahme für Serbien verurteilt, könnte man auch Heine verurteilen.“
„Indem erhitzten Diskurs Handke / Heine fehlte bislang ein Gesichtspunkt: Heine war lebenslang fasziniert von dem Diktator Napoleon! Hat bisher niemand die Parallele gesehen zu der seltsamen Faszination, die Milosevic auf Handke auszuüben scheint“, fragte der Düsseldorfer Schriftsteller Horst Lindau, „was ist für Schriftsteller an solchen Monstren interessant? Anscheinend haben sie selbst mit ihnen eine Gemeinsamkeit: Egozenik! Heine schreibt ein Leben lang eigentlich nur über sich selbst. Von Handke las ich gerade dessen neues Buch über,’Don Juan’, den mythischen Verführer schlechthin – auch ein kaum verhülltes Selbstportrait und zugleich eine fast wissenschaftliche Untersuchung über den Mechanismus der Verführung… Die Frage ist also: Darf ein Autor ein solch heißes Eisen anfassen? Und die Antwort: Natürlich darf er das, aber wenn er sich dabei die Finger verbrennt: sein Pech! Eine städtische Jury kann wohl niemals alle Aspekte eines avisierten Preisträgers kennen: Da ist sie auf wenige Experten angewiesen. Aber die politischen Konsequenzen ihrer Wahl sowie ihre eigenen Kriterien sollten den Teilnehmern schon bekannt sein. Und vielleicht auch Person und Werk des Namensgebers mit dessen Ambivalenzen – im vorliegenden Fall Heinrich Heines“.
„Heine, der alles andere als ein Gutmensch war, würde sich darüber lustig machen, dass er ausgerechnet hierzulande als Lackmuspapier für politische Correctness missbraucht wird. Naiv zu glauben, dass Autoren immer einen klaren politischen Verstand haben müssen. Hitzköpfige Genies füllen die Literaturgeschichte“, kommentierte Andreas Öhler im „Rheinischen Merkur“ die Diskussion.
„Spiegel“-Redakteur Matthias Matussek erinnerte an andere „politische Irrtümer, die in der deutschen Literatur durchaus keine Seltenheit sind. Von der Nazi-Begeisterung Benns bis zu Brechts Stalin-Verehrung gab es durchaus enorme Vorbilder“.
Auch „Zeit“-Redakteur Ulrich Greiner gab zu bedenken: „Wenn wir auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts blicken, dann ist die Liste der Schriftsteller, die sich auf sie eingelassen haben, erstaunlich lang. Knut Hamsun, einer der großartigsten Erzähler der Moderne, hat für Hitler Partei ergriffen; Ezra Pound, eine gewaltige Stimme im Strom der Poesie, für Musolini. Gottfried Benn, Heimito von Doderer haben mit den Nazis sympathisiert. Brecht hat in der brüchtigten ‚Maßnahme’ die Opferung des Individuums für das kommunistische Projekt plausibel gemacht. Lion Feuchtwanger hat, während die Moskauer Prozesse tobten, das Loblied der Sowjetunion gesungen. … Das politisch und moralisch Bekömmliche ist in der Regel nicht der Ort, so große Geister sich aufhalten.“
Vielleicht hilft ja doch bald einmal jemand der Experten aus der karambolierten Heine-Preis-Jury den braven Düsseldorfer Bürgern auf die Sprünge und klärt sie auch hier über Gemeinsamkeiten zwischen Heine und Handke und all den anderen auf. Man könnte dadurch etwas beim Publikum gut machen, das man so schmählich allein ließ.
„Zeit“-Autor Ulrich Greiner immerhin lobte Handke: „Was immer seine Verfehlungen im jugoslawischen Tohuwabohu gewesen sein mögen: Wir sollten ihn loben für das, was er uns von seinen Expeditionen in die Länder des Himmels und der Erde mitgebracht hat, und ob er dafür den Heine-Preis bekommt, ist am Ende vollkommen gleichgültig. Sollen doch die Düsseldorfer Gremien samt Bürgermeister und Jury, die sich hinreichend blamiert haben, selber sehen, wo sie nun bleiben.“
Das mag aus Hamburger Sichtweise stimmen, für die Düsseldorfer gilt das zumindest nicht. Die Bürger dieser Stadt müssen ja mit einigen aus der Jury und noch mehr mit den Politikern leben, die da durch die Debatte gehastet sind. Man möchte sie doch noch mal ernst nehmen können, die Männer und Frauen, die in der Stadt regieren.
Und Handke gab ja auch keine Ruhe. Nachdem der öffentliche Streit um den Heine-Preis bereits abgeebbt war, gab er dem kroatischem Nachrichten-Magazin „Globus“ ein Interview. Dessen Kernsätze schwappten schnell und fast flächendeckend in die bundesdeutschen Medien: Slobodan Milosevic habe ihn zu einem neuen Roman inspiriert, verkündete der 63-jährige Dichter: „Darum war ich auch auf Wunsch seiner Familie beim Begräbnis in Pozarevac, um die Atmosphäre des Ortes aufzunehmen, wo er geboren wurde und lebte.“
Einmal beim Thema wiederholte Handke in dem Interview auch noch seine Vorwürfe gegen den Internationalen Gerichthof in Den Haag. Im Kriegsverbrecherprozess habe es nie Beweise für eine Schuld Milosevics gegeben. „Milosevic war immer unschuldig, er war der einzige aufrichtige Verfechter Jugoslawiens.“
Also doch, sagten sich die Beobachter, Handke ist also doch ein Milosevic-Sympathisant. In einem Fernsehinterview in 3sat legte der Preisträger noch nach:
Frage: „Sie haben mehrmals über die Nato-Angriffe gesprochen. Sind Sie auch jetzt noch derselben Meinung?
Handke: „Ja, noch viel schlimmer. Man hat die Ausrede gebraucht, man will Slobodan Milosevic entfernen. Alles hat sich konzentriert auf ihn als den großen Verbrecher – und was hat man entfernt? Man hat getötet – über 1000 Menschen, die ganz unschuldig waren. Man kann mit Bomben, glaube ich, keine Freiheit erzeugen. Mit Bomben und Geld, das von anderen Ländern kommt, von Amerika, von Saudi-Arabien – mit Geld ist keine wirkliche Freiheit zu erzeugen. Wie das Sprichwort sagt: Man soll dem Krieg keinen Krieg hinzufügen. Das hat die Nato gemacht in Jugoslawien. Das ist ein Verbrechen, das immer noch nicht gesühnt ist. Andere Verbrechen – kleine und größere – werden in Den Haag vor dem Tribunal prozessiert. Aber kein einziger, der verantwortlich ist für das Verbrechen gegen Jugoslawien, ist bis jetzt vor Gericht gestellt worden. Das kann man nicht Welt nennen. Das ist keine Welt.“
Solche Sätze waren wieder Wasser auf die Mühlen der Handke-Kritiker, die bis heute an ihrem Urteil festhalten, dass er sich zu weit vorgewagt hatte auf serbisches Terrain und mit seiner Teilnahme an Milosevic Beerdigung mit der Objektivität auch seine Glaubwürdigkeit zu Grabe getragen hatte. Da half auch nicht, dass der Schriftsteller und Büchner-Preisträger Volker Braun „Gerechtigkeit für Handke forderte“: „Wenn sich einer der elementaren Aufgabe stellte, den Frieden zu denken, so war das Peter Handke.“
Heine-Preis-würdig wurde Peter Handke dadurch wie durch die ganze Debatte um den Heine-Preis 2006 nicht.
(Ende des 9. Kapitels aus dem Sachbuch „Der Handke-Skandal“. Fortsetzung mit Kapitel 10 am Samstag, 25. Juli 2026)
Die Antwort der Düsseldorfer Stadtverwaltung auf meine Fragen
Anfang Mai 2026 habe ich den Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller einige Fragen zum Handke-Heine-Preis-Skandal geschickt. Am 17. Juli 2026 erhielt ich eine Antwort eines Sprechers der Stadtverwaltung.
Meine Fragen an OB Keller:
- Ist der Dichter Peter Handke Preisträger des Heine-Preises 2006 – oder nicht?
- Sollte die Stadtverwaltung oder der Stadtrat von Düsseldorf nach 20 Jahren nicht eine klare Lösung für diese Frage finden? Bislang hat sich ja noch kein städtisches Gremium, weder Rat der Stadt noch der Kulturausschuss, mit der Frage befasst, ob Peter Handke Heinrich-Heine-Preisträger ist oder nicht.
- Warum ist die Information über den Heine-Preis auf der Website duesseldorf.de so begrenzt? Dort finden sich nicht einmal die Namen der bisherigen Preisträger*innen, die nicht nur den Preis selbst, sondern auch das Kulturleben in der Landeshauptstadt „schmücken“ würden.
- Hat die Stadtverwaltung eventuell wegen der ungeklärten Frage der Preisträgerschaft von Peter Handke auf eine Aufzählung der Preisträger verzichtet?
Die Antwort der Stadtverwaltung:
„Das Preisgericht des Heinrich-Heine-Preises hat am 20. Mai 2006 den Schriftsteller Peter Handke für den Heinrich-Heine-Preis ausgewählt. Die Entscheidung wurde seinerzeit öffentlich bekannt gegeben und löste eine intensive und bundesweit geführte Debatte aus. Gegenstand der Diskussion waren insbesondere Äußerungen und Positionierungen Peter Handkes im Zusammenhang mit den Balkankriegen.
Im weiteren Verlauf des Verfahrens kam es zu einem Briefwechsel zwischen Peter Handke und dem damaligen Oberbürgermeister Joachim Erwin. Der vorgesehene weitere Verfahrensgang wurde anschließend nicht fortgeführt. Der Rat der Landeshaupttadt Düsseldorf befasste sich anschließend nicht mehr mit der Preisverleihung. Eine Verleihung des Heine-Preises fand im Jahr 2006 nicht statt.
Die Landeshauptstadt Düsseldorf führt Peter Handke zudem nicht in den Übersichten der bisherigen Trägerinnen und Träger des Heinrich-Heine-Preises. Dies gilt sowohl für entsprechende Zusammenstellungen des Presseamtes als auch für die Darstellung auf den Webseiten der Landeshauptstadt Düsseldorf zum Heine-Preis.
Die Landeshauptstadt Düsseldorf verweist hierzu auf die dokumentierten Abläufe des Jahres 2006. Darüber hinaus wird auf die bestehenden Veröffentlichungen und Darstellungen zum Heinrich-Heine-Preis Bezug genommen.
Zu Ihrer Frage, ob die Stadtverwaltung oder der Rat der Stadt Düsseldorf nachträglich eine Entscheidung zur Klärung der Frage der Preisträgerschaft treffen sollten, ist festzustellen, dass hierzu derzeit weder ein politischer Auftrag noch ein entsprechendes Verfahren vorliegt.
Hinsichtlich der Darstellung des Heinrich-Heine-Preises auf den Webseiten der Landeshauptstadt Düsseldorf weisen wir darauf hin, dass die dortigen Informationen in erster Linie der allgemeinen Information über den Preis, seine Geschichte und seine Satzungsgrundlagen dienen. Die Inhalte werden regelmäßig überprüft und bei Bedarf fortgeschrieben. (siehe Screenshot unten; d. A.) Ein Zusammenhang zwischen dem Umfang der Darstellung und den Ereignissen des Jahres 2006 besteht nicht.“

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Foto Buch Der Handke-Skandal: Jamin
Fotoporträt Jamin: Fyeo

