Wenn schon keine Oper der Zukunft, warum dann nicht eine Zukunft ohne Oper? Nachdem Oberbürgermeister und Rat den Neubau der Oper beerdigt haben, stellt sich eine Frage, die im Düsseldorfer Kulturbetrieb vermutlich als ungehörig gilt: Müssen wir überhaupt ein eigenes Opernhaus betreiben?
Meine Antwort: Nein. Müssen wir nicht.
Oper steht nicht unter Bestandsschutz
Wir könnten die Düsseldorfer Oper auch komplett schließen. Nicht, weil Oper keine Kunst wäre. Nicht, weil man ihren Besuchern die Freude an Verdi, Wagner oder Mozart verderben müsste.
Sondern weil eine Stadt darüber nachdenken darf, wofür sie ihr Geld ausgibt. Und weil nicht jede kulturelle Einrichtung wie etwa ein Opernhaus auf ewig unter Bestandsschutz stehen muss, nur weil sie schon lange besteht.
Kein „NEIN“ vom Oberbürgermeister
Ich habe jüngst bei Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller angefragt, ob man nicht die rund 1,8 Milliarden Euro, die ursprünglich für einen Opern-Neubau bedacht waren, für den Bau von rund 5.000 neuen Wohnungen verwenden könne? Ein striktes „NEIN“, hört sich anders an – siehe Foto mit der Originalantwort eines Sprechers des Oberbürgermeisters.

zum exklusiven Neubau von 5.000 Wohnungen durch die Stadt.
Freier Eintritt für die Nachbarstadt-Oper
Nordrhein-Westfalen ist mit Opernhäusern gut versorgt.n Im Land an Rhein und Ruhr gibt es 15 Opernhäuser beziehungsweise große Musiktheater-Spielstätten. Diese Zahl umfasst auch Mehrspartentheater, die neben Schauspiel und Ballett eine eigene Opernsparte haben.
Von Düsseldorf aus lassen sich andere Bühnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem eigenen Auto gut erreichen. Essen ist keine Weltreise. Köln ebenfalls nicht.
Deshalb würde mich eine ehrliche Rechnung interessieren: Was würde es kosten, den Düsseldorfer Opernbesuchern gelegentlich eine Eintrittskarte samt Anreise zu einer benachbarten Bühne zu spendieren? Und was kostet es dagegen, dauerhaft einen eigenen Opernbetrieb zu unterhalten?
40 Millionen Opern-Euros einsparen
Da für den Betrieb der Oper jährlich hochgerechnet rund 40 Millionen Euro jährlich aus der Stadtkasse aufgebracht werden müssen, sollte diese Rechnung zumindest erlaubt sein. Außerdem stehen Renovierungskosten von mindestens 500 Millionen Euro für die bestehende Oper an.
Keine Oper mehr in Düsseldorf – natürlich ist das eine Provokation. Aber eine teure Einrichtung wird nicht dadurch unentbehrlich, dass man jede Diskussion über ihre Entbehrlichkeit für unzulässig erklärt.
Weihnachtsmarkt ist Tourismus-Magnet
Auch das touristische Argument, nämlich dass die Oper den Tourismus fördert, überzeugt mich nicht. Düsseldorf ist nicht Mailand. Und die Düsseldorfer Oper ist nicht die Scala. Wie viele Menschen reisen eigens wegen einer Opernaufführung in unsere Stadt? Wie viele übernachten deshalb hier, besuchen Restaurants, kaufen ein?
Ich habe den Eindruck, dass der Weihnachtsmarkt in Düsseldorf mehr für den Tourismus erreicht als eine Düsseldorfer Oper.
Wer die Oper mit ihrer Bedeutung für den Tourismus verteidigt, sollte diese Bedeutung belegen können. Der Hinweis, eine Oper gehöre nun einmal zu einer NRW-Landeshauptstadt, reicht jedenfalls nicht.
Für Literaten gibts eine Vorort-Kneipe
Eine Landeshauptstadt muss nicht jede Kultursparte im gleichen Umfang fördern. Sie darf Schwerpunkte setzen. Tatsächlich macht Düsseldorf das längst.
Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich bin Schriftsteller.
Früher konnte ich im Düsseldorfer Literaturbüro neu erschienene Bücher vorstellen. Das Literaturbüro hatte damals im Heine-Haus an der Bolkerstraße einen repräsentativen Ort. Im Haus gab es auch die Dichterkneipe Schnabelewopski. Für mich gehörte solch ein Ort zu einer Stadt, in der Literatur nicht nur auf dem Veranstaltungskalender steht, sondern einen erkennbaren Platz hatte. Diese Zeiten sind vorbei.
Ein Heine-Haus für eine Buchhandlung
Heute gibt es im Heine-Haus in erster Linie eine privat betriebene Buchhandlung und ab und zu Lesungen. Das ist erfreulich. Auch prominente Autorinnen und Autoren brauchen Auftrittsorte. Nur ist die Einladung bekannter Namen noch keine Förderung derjenigen Autorinnen und Autoren, die in der Landeshauptstadt leben und schreiben.
Und auch das Literaturprogramm in Düsseldorf ist nicht automatisch ein Programm für Düsseldorfer Schriftsteller.
Örtliche Autoren in der Vorortkneipe
Das Literaturbüro sitzt inzwischen in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Düsseldorfer Literaturtage finden ihr Publikum meist durch auswärtige Schriftsteller. Und die örtlichen Mitglieder des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller treffen sich mangels eigener repräsentativer Räume in einer Vorort-Kneipe.
Nichts gegen Kneipen. Dort sind vermutlich schon bessere Sätze gefallen als bei manchem städtischen Festakt. Aber der Unterschied ist bemerkenswert: Für die eine Kulturbranche diskutiert man über ein Milliarden-Euro-Opernhaus. Autor*innen suchen einen preiswerten Tisch, an dem sie sich treffen können.
Gleichbehandlung der Kultur gibt es nicht
Ich schreibe das nicht, um zu jammern. Ich möchte lediglich auf einen Widerspruch hinweisen.
Sobald es um die Oper geht, entsteht der Eindruck, ohne sie breche Düsseldorf als Kulturstadt zusammen. Dass andere Kultursparten seit Jahren mit deutlich weniger Aufmerksamkeit, Geld und öffentlichem Raum auskommen müssen, wird dagegen als ziemlich normal betrachtet.
Stadt lebt gut mit kulturellen Lücken
Offenbar kann man im Rathaus am Bugplatz sehr gut mit kulturellen Lücken leben. Es kommt nur darauf an, wen die Lücke trifft. Warum soll ausgerechnet die Oper von jeder grundsätzlichen Prüfung ausgenommen sein?
Düsseldorf hat große Stärken in der bildenden Kunst: die Kunstakademie, die Galerien, die Museen und ihre Sammlungen. Darauf lässt sich bauen. Hier besitzt die Stadt ein herausragendes, internationales Profil, das sie weiterentwickeln kann – vor allem auch mit der Sparte Fotografie.
Hinzu kommt das Schauspielhaus mit seinem überregionalen Ruf. Ein Teil des Geldes, das bei einem Verzicht auf Opern-Betrieb und -Renovierung frei würde, könnte dort sinnvoll eingesetzt werden. Nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern mit dem Anspruch, etwas bereits Gutes noch besser zu machen.
Im Heine-Haus ein echtes Künstler-Cafe
Und ja: Auch für örtlich residierende Schriftsteller, Dichter, Filmemacher, Fotografen, Puppenspieler und andere bislang weniger beachtete Kulturschaffende dürfte dann etwas mehr Geld übrig bleiben. Und vielleicht auch für 1000 statt für 5000 städtische Neubau-Wohnungen?!
Sie brauchen nicht dieselben Etats wie große Bühnen oder Museen. Aber sie verdienen mehr als freundliche Worte und gelegentliche Einladungen zum kulturpolitischen Gespräch. Im Heine-Haus ein echtes Literaten- und Künstler-Cafè zu entwickeln wäre schon ein guter Anfang.
Düsseldorf braucht Kultur-Schwerpunkt
Die entscheidende Frage lautet nicht: Können wir uns Düsseldorf ohne Oper vorstellen?
Die entscheidende Frage lautet: Welche Kultur wollen wir mit welchem Geld ermöglichen?
Keine Denkverbote bei der Förderung
Darüber müsste man in Düsseldorf angesichts leerer Kassen, 10.000 fehlender Wohnungen und vieler offenen sozialen Fragen endlich sprechen. Ohne Denkverbote. Ohne die übliche Gleichsetzung von Kürzung und Barbarei. Und ohne so zu tun, als sei die historisch gewachsene Verteilung der Kulturmittel bereits die bestmögliche.
Eine Stadt verliert ihren kulturellen Anspruch nicht automatisch, wenn sie auf eine Sparte wie die Oper komplett verzichtet. Sie muss allerdings erklären können, warum sie bestimmte Einrichtungen finanziert und andere seit Jahren auf bessere Zeiten vertröstet.
Düsseldorf braucht neue Kulturdebatte
Vielleicht brauchen wir deshalb nach dem Ende der Opern-Neubaupläne nicht sofort die nächste Operndebatte. Vielleicht brauchen wir endlich eine Prioritätendebatte. Das wäre eine lohnende Aufgabe für die Düsseldorfer Medien und das Kultur-Publikum.
Und diese Debatte darf ruhig mit einer ungehörigen Frage beginnen:
Warum schließen wir die Düsseldorfer Oper nicht komplett?

#Shortstorys #Düsseldorf #jaminautor #BlogAufEinenCappuccino #Literatur #Kurzgeschichten #BookTok #StoryTok #BuchTok #NachrichtenVomZustandDesLandes #JaminBlog #Düsseldorf #Wohnungsnot #Leerstand #Wohnungsmangel #Wohnungsbau #Sozialwohnungen #BezahlbarerWohnraum #Oberkassel #Rheinallee #Opernneubau #StephanKeller #Kommunalpolitik #EigentumVerpflichtet #Mietenwahnsinn #NachrichtenvomZustanddesLandesFoto ??: Jamin
Fotoporträt Jamin: Fyeo
Screenshot: Jamin
Foto Oper-Neubau: 230215-Ideenwettbewerb_OdZ_HHA_Ingenhoven_Perspektive_Hofgarten_.jpg
Foto Zombie Walk: Bündnis für bezahlbaren Wohnraum

