Im Mai vor 20 Jahren – und in den Monaten danach – erschütterte ein Riesenskandal die literarische Welt: Eine Jury der Stadt Düsseldorf hatte dem Dichter Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis und das damit verbundene Preisgeld von 50.000 € zugesprochen.
Doch der Preis wurde dem Dichter bis heute nicht überreicht. Ich habe damals, 2006, darüber ein polemisch-unterhaltsames Buch veröffentlicht: „Der Handke-Skandal – wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte.“ Jeden Samstag veröffentliche ich daraus ein weiteres Kapitel.
Buch-Abdruck, Kapitel 4:
Zwei Sätze!
Nur zwei Sätze hat sich die Jury des Heine-Preises 2006 abgerungen, um zu begründen, warum Lebenswerk und Lebensführung des großen Dichters Peter Handke kompatibel sind mit Werk, Werten und Persönlichkeit eines der größten deutschen Dichter, Heinrich Heine.
Es waren einsame, lächerlich unvollständig klingende, wohlanständig spießige, kulturbeamtentummäßige, juristisch abgesicherte, nach Erklärungen und Antworten und Ergänzungen verlangende, so allgemein nichts sagend gehaltene, unverbindlich wie eine Ausrede klingende Sätze.
Von diesen zwei Sätzen ist die Rede: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale.“
Gegen westliche Sicht auf Serbien
„Vorgestanztes Deutsch“ nannte sie der Literaturkritiker Hubert Winkels, geradeso als hätte er es mit einem schwach formulierten Gesetzesentwurf zu tun. Im Gespräch mit dem Moderator des Deutschlandradio, Stefan Koldehoff, nahm er das Sprachpärchen genüsslich auseinander: „Erst, sachlich muss man sagen, dass der Weg Handkes in ‚eine offene Wahrheit’ mit Sicherheit nicht gegeben ist. Man könnte – wenn überhaupt – positiv formulieren: Handke versucht, eine Wahrheit jenseits vieler anderer Behauptungen gegen einen Konsens in der gesamten westlichen Öffentlichkeit durchzusetzen. Das ist also eine Behauptung und ein Versuch, gegen etwas zu arbeiten – sicherlich keine Öffnung eines Raums. Und das andere ist: Was heißt das, ‚einen poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung’ ein? Also ‚rücksichtslos’ einen poetischen Blick einsetzen scheint mir schon eine Contradictio in adjecto. Was ich unter poetisch verstehe, ist nicht rücksichtslos. Und dann: ‚gegen eine veröffentlichte Meinung’, das heißt, es hat, diese poetische Haltung hat also einen Feind, ja? Sie hat ein Ziel. Sie operiert sozusagen auf einem Feld gegen etwas. Auch das, meines Erachtens, verstößt gegen den Begriff des Poetischen. Man sagt aber damit etwas Wahres, aber, wie ich finde, sehr Kritisches über Handke. Dass seine Bemühungen seit 1996 tatsächlich Bemühungen gegen etwas sind. Er kämpft gegen eine westliche Sicht der gesamten Jugoslawien-Kriege, gegen eine westliche Sicht auf Serbien. Umgekehrt gesagt: Er setzt eine proserbische Sicht dagegen, die ja sehr weit geht, wie wir alle wissen – er hat Slobodan Milosevic im Gefängnis besucht, er hat seine Begegnung mit ihm sozusagen protokolliert und darüber geschrieben, er hat eine Rede zu Milosevic‘ Begräbnis gehalten. Jetzt kann man da politisch von halten, was man will. Aber es ist keine Öffnung, keine freie poetische Betrachtung, die darin zum Ausdruck kommt, sondern das Gegenteil.“
Mit humanen Zielen nicht im Einklang
Eine Verknappung, wie sie die Jury wählte, klingt klug, ist sie aber allein deswegen nicht, weil der Leser mit ihr allein gelassen wird. So fragte sich auch Bertram Müller, Kulturkritiker der „Rheinischen Post“, sofort, ob die Begründung wirklich mit den Ansprüchen des romantischen Aufklärers Heinrich Heine kompatibel ist: „Schließlich wird der Preis satzungsgemäß an Persönlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit alles Menschen verbreiten. Milosevic jedenfalls, für den sich Handke noch an dessen Grab verwendete, Milosevic dieser Schlächter und Diktator von Belgrad, in dessen Namen Massaker begangen und Massenvergewaltigungen verübt wurden, ist mit diesen humanen Zielen nicht in Einklang zu bringen.“
„Will die Jury allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmörders habe der Völkerverständigung gedient“, fragte Hubert Spiegel irritiert in der „Süddeutschen Zeitung“.
„Nichts als Phrasengemenge. Was soll das denn heißen: Handke verfolgt seinen Weg zu einer offenen Wahrheit?“, meinte der ehemalige „Spiegel“-Redakteur und Literaturkritiker Hellmuth Karasek.
„Wer vor gut zwei Monaten auf der Beerdigung des serbischen Nationalisten und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Slobodan Milosevic vor 20.000 Anhängern spricht und sagt: ‚Ich bin heute nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic’, sollte nach menschlichem Ermessen nicht kurz darauf einen Preis erhalten, der in der Hauptsache der Beförderung der Völkerverständigung dient“, schrieb die Literaturkritikerin Iris Radisch in der „Zeit“. Die Jury hatte ihrer Meinung nach „diese einfache Wahrheit außer Acht gelassen und sich statt dessen auf eine ‚offene Wahrheit’ berufen, auf deren Spuren sie den österreichischen Dichter vermutet“.
Der ebenso ärgerlichen wie lächerlichen Begründung folgte – nichts zum Sachverhalt selbst. Die Jury weigerte sich sogar beharrlich, offen zu legen, wer aus dem Kreis denn nun für und wer gegen Handke gestimmt hatte. Die Feuilletonisten stießen auf eine für den Kulturbetrieb unheimliche Stille, die damit begründet wurde, dass die Jury zum Schweigen verurteilt wäre – von wem, wurde nicht gesagt. Selbst Jury-Mitglied und Bürgermeister Dirk Elbers klagte im Verlauf der Debatte: „Die Handke-Befürworter sind tagelang abgetaucht. Niemand will es gewesen sein.“
Jury-Mitglied Sigrid Löffler rief allerdings sogar öffentlich zum Schweigen auf: „Jury-Sitzungen müssen vertraulich bleiben. Es ist eine unglaubliche Verwahrlosung von guten Jury-Sitten, wenn Juroren diese Verschwiegenheit brechen.“
Warum? Warum eigentlich soll ein Publikum nicht erfahren, wie Diskussionen etwa über Literaten und Literatur in Preis-Gremien verlaufen? In den Literaturbesprechungen der Medien werden Autoren und ihre Werke ja auch je nach Ansicht der Verfasser hoch gelobt oder fertig gemacht – da hält sich auch die Literaturkritikerin Löffler nicht zurück. Die kritische Auseinandersetzung mit Werken und Person eines Autors gehört eben zum Literaturbetrieb, jeder Schriftsteller muss sich ihr zwangsläufig stellen, will er in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Was also hat eine Jury zu verbergen – außer vielleicht Unwissenheit, Fahrlässigkeit, Oberflächlichkeit, Gedankenlosigkeit, Interessenlosigkeit, Faulheit oder Kungelei?

„Während in den zurückliegenden Tagen viele kritische Stimmen zur Wahl laut wurden, hielt sich ausgerechnet die Literaturkritikerin Sigrid Löffler aus der Debatte heraus“, brachte der RP-Literaturredakteur Lothar Schröder seinen und den Unmut vieler Berufskollegen auf den Punkt: „Dem Dichter war sie weder Fürsprecher noch Schutzschild.“
Der mit Insiderwissen aus den Düsseldorfer Heine-Experten-Kreisen gut ausgestattete Journalist wusste auch zu berichten, dass es „in der Jury-Sitzung so gut wie keine Diskussion gegeben habe. Es sei aber fleißig abgestimmt worden. Drei Wahlgänge reichten, um unter 18 Kandidaten den Heine-Preisträger zu finden“. Hinweise auf Handkes Nähe zum serbischen Diktator seien vom Tisch gewischt, eine tiefere, etwa politische Debatte sei nicht geführt worden. Schröder kritisierte so ein Verhalten als „leichtfertig … beängstigend unbedarft“.
Der RP-Mann wusste aber auch von ganz üblen Schlampereien zu berichten, etwa dass die zwölf Jury-Mitglieder erst drei Tage vor dem Wahltermin über die Kandidaten informiert und mit jeweils ein paar Seiten aus dem biographischen Munzinger-Archiv ausgestattet worden seien: „Das ist dürftig, bei Handke fatal: Die jüngste Fassung stammt von 2003. Von seiner Teilnahme an der Grablegung von Milosevic konnte darin also noch keine Rede sein.“
Manche, so beklagte der damalige Kulturchef der „Rheinischen Post“, Torsten Casimir, bei anderer Gelegenheit, sollen „nicht einmal die dürftigen Dossiers der Kandidaten zur Kenntnis genommen haben“. Die Statuten der Satzung seien bewusst ignoriert worden.
Was für windige Protagonisten da in dem „unglaublichen Schauspiel“ (FAZ) auftraten, zeigt sich gut an folgendem Beispiel. Im Gespräch mit Hans-Jörg Heims von der „Süddeutschen Zeitung“ bestritt Jury-Mitglied Friedrich Conzen, immerhin Vorsitzender des Kulturausschusses der Stadt, glattweg die Vorwürfe, wonach in der Jury keine intensive Diskussion über den Preisträger Handke stattgefunden habe und lediglich auf Grundlage des Munzinger-Archivs geurteilt wurde.
Conzen bezichtigte damit den heutigen Ressortleiter „Geistiges Leben“ der „Rheinischen Post“, Lothar Schröder, und seinen Ex-Chef, den heutigen Chefredakteur des „Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel“, Torsten Casimir, vor der ganzen Nation in einer der wichtigsten deutschen Tageszeitung der Lüge oder zumindest der Falschdarstellung. Beide Journalisten stehen nun wirklich nicht unter Skandalverdacht und sind dafür bekannt, dass sie ihre Worte, die sie veröffentlichen, sorgfältig abwägen, und eigentlich sollte man erwarten, dass der zumindest in Düsseldorf hochrangige Politiker Conzen dafür noch ordentlich öffentliche Medienschelte zu lesen bekommt.
Gerade Politiker reden gerne, wie es die politische Wetterlage erfordert, und man kann ihnen eigentlich nicht oft genug solche „Gegendarstellungen“ in die Vita schreiben. Zumal Conzens Behauptungen leicht zu widerlegen sind, hatte er doch die Rechnung ohne seinen Parteifreund und Jury-Kollegen Dirk Elbers gemacht. Der Bürgermeister, sonst nicht gerade eine Kämpfernatur, gestand bei anderer Gelegenheit gegenüber der RP-Redakteurin Denisa Richters frank und frei: „Er selbst habe als Jury-Mitglied drei Tage vor der Entscheidung ein dürftiges Dossier erhalten. ‚Wer, außer hauptberuflichen Kritikern, ist denn in der Lage, Bücher dieser wild zusammen gewürfelten Namen zu lesen?’“
Auch Jury-Mitglied Christoph Stölzl gab öffentlich zu, dass sich die „Jury nicht historisch kritisch mit den vorliegenden serbischen Aufsätzen von Handke beschäftigt hat“. Zeugen gegen Conzen sind auch die beiden Juroren Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefèbvre. Diese Insider versetzten bei ihrem Austritt aus der Heine-Preis-Jury den Mit-Juroren diesen bösen Seitenhieb: „Bei der Diskussion stellte sich rasch heraus, dass die meisten Juroren unvorbereitet waren und sich offenkundig nicht einmal mit den Dossiers vertraut gemacht hatten, die ihnen seit Tagen vorlagen, geschweige denn, dass sie Bücher der Short-List-Autoren gelesen hätten.“
FAZ-Korrespondent Andreas Rossmann stimmte in diese Tonlage ein: „Dass sie die Texte des Autors, den sie ausgezeichnet haben, gar nicht kennen, haben Mitglieder der Jury … offen eingestanden. Doch kann es sein, dass die Jury auch über die Regularien, nach denen sie dabei verfahren sind, nicht genau Bescheid wissen?“
Und schließlich versetzte auch der Literaturkritiker der „Süddeutschen Zeitung“, Thomas Steinfeld, Conzen und Kollegen einen Seitenhieb: „Der Skandal ist eingetreten, weil es in Deutschland einen moralischen Konsens gibt, der sich in seiner Bereitschaft zu hemmungslosem Selbstgenuss selbst dann für unwidersprechlich hält, wenn er von den Gegenständen, über die er urteilt, viel zu wenig weiß. Das gilt in erster Linie für diejenigen Stadträte, die Mitglied der Jury waren – wie unangemessen, wie peinlich war es, als sie inmitten der öffentlichen Auseinandersetzung um den Preis erklärten, sie hätten nie ein Buch von Peter Handke gelesen.“
Welch eine Blamage!
Vor diesem Hintergrund kann sich jeder die Mundfaulheit der Jury-Mitglieder erklären. Doch je stiller die Jury-Mitglieder, desto lauter wurde ihr Publikum. Die Begründung war einfach zu karg. So dünn, dass nicht einmal ein Preisträger damit glücklich werden kann, der den Preis nicht ernst nimmt und ihn nur als gesellschaftliches Ritual, als Verkaufsförderung für seine Bücher und Marketing-Maßnahme zur Popularisierung seines Namens betrachtet.
Die Grünen-Landesvorsitzende Daniela Schneckenburger forderte immerhin zu einer öffentlichen Debatte über die Aufgabe von Kultur und Literatur in der Demokratie auf: „Oberbürgermeister Erwin und Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff müssen sich dieser Debatte stellen.“ Das passierte nicht.
Der Kulturchef der „Rheinischen Post“, Torsten Casimir, forderte sogar öffentlich, aber vergeblich Stellungnahme ein: „Insbesondere wünscht man sich das vom Rektor der Heinrich-Heine-Universität, Alfons Labisch – zumal in seiner Hochschule Stimmen laut werden, die es für geboten erachten, Heine vor Handke in Schutz zu nehmen.“ Auch das passierte nicht.
Der Unirektor versteckte sich vielmehr zunächst für zwei Wochen vor der Presse und dann auch hinter einer Schweigepflicht. Doch in der Satzung des Heine-Preises stand darüber nichts, so dass davon ausgegangen werden musste, dass es sich bei diesem Schweigegelübte um eine Selbstverpflichtung der Jury-Mitglieder handelte. Wohl um sich vor weiterer öffentlicher Demontage zu schützen, oder weil man wirklich nicht viel zu sagen hatte. Ein ungewöhnlicher Vorgang für Menschen, die in ihrem Alltag sehr gerne von der Kunst des Redens Gebrauch machen und mit ihren Ideen und Gedanken und Wissen ihr Brot verdienen und manche gar große Institutionen lenken.
Die Front der Schweiger bröckelte allerdings dann doch, als sich die Jury-Mitglieder verstärkt und immer harscherer Kritik ausgesetzt sahen und feststellten, wie Politiker aller bürgerlichen Parteien plötzlich das Ruder im öffentlichen Meinungs-Schlagabtausch übernahmen und nun Gülle über die Jury-Mitglieder schütteten.
Die Politik übernahm in gewohnter Manier das Zepter. Die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Claudia Nell-Paul, forderte den Rat der Stadt Düsseldorf auf, dem Votum der Jury nicht zu folgen und gegen eine Vergabe des Preises an Handke zu stimmen. Zwar sei die Unabhängigkeit der Jury ein hohes Gut, dagegen stünden aber die Zukunft des geachteten Heine-Preises sowie der gute und weltoffene Ruf der Stadt Düsseldorf.
Düsseldorfs SPD-Fraktionschef Günter Wurm maßte sich zwar nicht an „Kritik an der Sachkenntnis der einzelnen Juroren zu üben, aber sehr wohl an dem Ergebnis“. NRW-Integrationsminister Armin Laschet, wie der Jury-Vorsitzende Erwin ein CDU-Mann, war da weniger zimperlich und bezeichnete es als ein gutes Signal für die demokratische Kultur des Landes, dass „die Entscheidung einer geschichtsvergessenen und gegenüber den Opfern des Milosevic-Regimes unsensiblen Jury jetzt korrigiert wird“.
Deutlicher kann man nicht mehr zum Ausdruck bringen, dass die Jury einen miesen Job gemacht hat. Wenn ausgewiesene Demokraten sogar schon für Zensur-Maßnahmen plädieren, um die Folgen einer Kulturkatastrophe zu verhindern.
Vorher, bei der Wahl des Kandidaten, ließ es die Jury an Gründlichkeit fehlen und unterließ es, den zukünftigen Preisträger auf Herz und Nieren zu prüfen. Sie machte sich nicht die Mühe, den Besten zu wählen, sie wählte aus einer langen Liste den Erstbesten, den sie kriegen konnten. Hinterher, nach der Bekanntgabe des Preisträgers und als die Kritik an Peter Handke laut und lauter und schließlich unerträglich wurde, stellten sich die meisten Jury-Mitglieder auch nicht vor ihren Kandidaten und halfen auch nicht dem Publikum, ihre Wahl nachzuvollziehen. Sie ließen Handke, aber auch die Düsseldorfer Bürger in deren Namen sie ja den Kandidaten ausgesucht hatten, mit ihrer Verwirrung feige in Stich. Versuchten nur noch, das eigene Ansehen und ihre Reputation über den Heine-Preis hinweg zu retten.
Bald bekannten sich immerhin die ersten Jury-Mitglieder zu ihren Meinungen und Entscheidungen. 17 Autorendossiers hätten ihnen vorgelegen. „Ich stehe nicht hinter dem Entschluss für Handke, meine Kandidaten war Irene Dische“, sagte die Grünen-Politikerin Marit von Ahlefeld. Allerdings hatte sie die Begründung zu Handkes Wahl kommentarlos mit unterschrieben, obwohl die Satzung die Möglichkeit bietet, Einwände schriftlich der Begründung zuzufügen. Julius Schoeps hätte lieber Amon Oz als Preisträger gesehen.
Als „Gesinnungsbeichte“ bezeichnete der österreichische „Standard“ diese Rückschau der Jury: „Christoph Stölzl (CDU) etwa, ein wenig in Erinnerung gebliebener Berliner Kultursenator, bekennt tapfer, im gremialen Rahmen gegen Handke gestimmt zu haben. In Unehren ergraute Grünpolitiker hoffen gar auf das Dazwischentreten der Weltvernunft – und plädieren für die kommunale Aufhebung einer Entscheidung, die doch nichts anderes als verwaltungsdemokratisch zustande kam.“
„Handke war nicht mein Kandidat“ versicherte der Historiker Christoph Stölzl. Diejenigen, die für Handke plädierten, hätten Handkes Schriften wie „Gerechtigkeit für Serbien“ als Texte verteidigt, die sich im Rahmen des Üblichen bewegten und „keine verwerfliche Tat“ seien. Im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ bekannte der ehemalige CDU-Kulturpolitiker aber auch: „Natürlich hat die Jury sich nicht historisch kritisch mit den vorliegenden serbischen Aufsätzen von Handke beschäftigt.“
Natürlich? Ist es natürlich, dass die Mitglieder einer Literaturpreis-Jury nicht die Werke des zu prämierenden Kandidaten lesen? Handke hat immerhin sechs Bücher zu Serbien und den jugoslawischen Kriegen geschrieben. Was, wenn nicht die Analyse der Werke macht denn dann eine solche Jury überhaupt?
Zunächst war nicht einmal auch nur annähernd klar, wer aus der Jury denn nun überhaupt für Handke votiert hatte. Wie verworren die Situation am Anfang war, zeigte eine Veröffentlichung der „Rheinischen Post“ in Düsseldorf zwei Tage nach der Verkündung des Preisträgers. Originalton RP: „Sigrid Löffler, Kritikerin (für Handke); Julius H. Schoeps, Historiker (für Oz); Jean-Pierre Lefèbvre, Germanist; Christoph Stölzl, Historiker; Alfons Labisch, Uni-Rektor Düsseldorf; NRW-Staatskanzlei-Chef Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (nahm nicht teil); Gabriele von Arnim, Heine-Gesellschaft; OB Joachim Erwin, Bürgermeister Dirk Elbers, Ratsherr Friedrich Conzen, Ratsfrau Marit von Ahlefeld (gegen Handke), Kulturdezernent Hans-Georg Lohe (für H.).“
Dann kochte die Gerüchteküche der Medien über, und es wurden Sigrid Löffler, Joachim Erwin, Alfons Labisch und Hans Georg Lohe als Handke-Befürworter gehandelt. Auch Julius H. Schoeps sollte doch den Dichter gewählt haben. Der klärte rasch auf, dass dem nicht so war und er für Oz gestimmt habe. Der Historiker am Potsdamer Mendelssohn-Zentrum gestand aber ein, „mit gehangen, mit gefangen“ zu sein. Von der Grünen von Ahlefeld wurde kolportiert, sie habe Bauschmerzen bei der Wahl gehabt, aber letztlich für Handke unterschrieben.
Die „Süddeutsche Zeitung“ wunderte sich kurz danach, dass sich einige Mitglieder der Jury „bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darüber gesprochen, dass sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden hätten, darunter Amos Oz und Irene Dische“. Laut „Berliner Tagesspiegel“ erwägte ein Jury-Mitglied bereits drei Tage nach der Bekanntmachung des Preisträgers, dessen Preisverleihung am 13. Dezember 2006 fernzubleiben.
Motor der Handke-Bewegung in der Jury soll die Literaturkritikerin Sigrid Löffler gewesen sein. Dank ihrer Intervention überstand Handke offensichtlich mehrere Wahldurchgänge gegen mehr als ein Dutzend Konkurrenten, unter ihnen Marcel Reich-Ranicki, Dieter Forte, Irene Dische, Wolfgang Büscher und Amos Oz. Sieben der elf anwesenden Jury-Mitglieder sollen schließlich für Handke gestimmt haben, nachdem er im ersten Durchgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit der Stimmen nicht erreichte.
„Viele scheinen sich auf der Sitzung überfahren oder überfordert gefühlt zu haben“, kommentierte die Autorin des „Tagesspiegel“ in Berlin, Caroline Fetcher, die Stimmung während der Jury-Sitzung: „Reumütig erklärte ein Jurymitglied, Löffler habe Handke mit derart beharrlichem Trommelwirbel als ‚Weltliterat’ gepriesen, bis die anderen mürbe wurden. ‚Ich verstehe ja wenig von der Materie’, räumt einer ein. „Was Handke auf der Beerdigung gesagt hat, weiß man doch nicht so genau“, verteidigte sich ein anderer. Wenigstens könne man ja der Preisverleihung am 13. Dezember fern bleiben, tröstet sich ein Jurymitglied.“
Ina Hartwig kolportierte in der „Frankfurter Rundschau“ ebenfalls, dass Jury-Mitglieder „von der Jurorin Sigrid Löffler in die Enge getrieben wurden. Eine Jury, die nicht einmal nach außen geschlossen zu ihrer Entscheidung steht, wie peinlich, wie peinvoll“.
„Frau Löffler ist ja für Ihre Vorliebe für Handke bekannt“, gab der Hellmuth Karasek Einblick, „hier hat man mit der Berufung von Frau Löffler in die Jury den Bock zum Gärtner gemacht, auch wenn dieses Bild nicht ganz stimmt.“.
Was war nur mit dieser Jury los? Einzelne wurden zur Stimmangabe genötigt. Andere waren nicht richtig informiert. Und wieder andere wollten die Stimmung nicht verderben. Vielleicht hätte man bei der Auswahl der Jury-Mitglieder einen Pisa-Test machen sollen.
Vor diesem Hintergrund kam natürlich leicht der Verdacht auf, dass zumindest einige der Jury-Mitglieder ihr Heil in Flucht und Schweigen suchten, weil sie damit Unwissenheit kaschieren, Mitläufertum verbergen wollten. Nicht jeder hatte ja einen Handke in seinem Bücherschrank, als er über den Dichter richtete, und die meisten kannten auch seine dicke Serbien-Bibliothek nicht.
„Dass sie die Texte des Autors, den sie ausgezeichnet haben, gar nicht kennen, haben Mitglieder der Jury, die den mit fünfzigtausend Euro dotierten Heine-Preis der Stadt Düsseldorf dem Schriftsteller Peter Handke zugesprochen hat, offen eingestanden“, bemerkte der FAZ-Korrespondent Andreas Rossmann unwidersprochen in seiner Zeitung.
Immerhin, ein mutiges Jury-Mitglied, Bürgermeister Dirk Elbers, gestand öffentlich ein, Handkes Bücher nicht gelesen zu haben. Das brachte ihm sogar Schelte vom OB ein, der auf einer Literaturveranstaltung der Düsseldorfer Stadtsparkasse die mangelhafte Belesenheit anderer Bürgermeister kritisierte und die Jury-Kollegen attackierte. Statt bei der selbst ausgelösten Debatte Ruhe und Besonnenheit zu zeigen, hätten sich einige voreilig von der Entscheidung distanziert. Andere seien später mit Getöse aus dem Gremium ausgeschieden, um ihre Namen als Presseschlagzeilen zu platzieren. RP-Autor Claus Clemens notierte Erwins Ausschläge gegen die Politikerkollegen: „Bei dem Verhalten einzelner Mitglieder könne man nur von ‚Stutenbissigkeit’ und, in unmännlicher Anlehnung von „Wallachbissigkeit“ sprechen.“
Das Düsseldorfer Wahlverfahren bestätigte die Vorurteile, die das Publikum bei solcher Art Kulturereignissen ohnehin pflegt. Kultur-Pessimisten glaubten schon immer, dass bei der Auswahl von Kandidaten für Literatur- und andere Preise ein paar Schlaue und ein paar Mächtige die Köpfe zusammenstecken und einen Kandidaten auskungeln.
Das für Heine wie Handke unwürdige Verfahren der Wahl wurde schließlich auch noch durch zwei, durch die Debatte schwer verärgerte Jurymitglieder selbst publik und madig gemacht wurde. Der Höhepunkt der Diskussion war noch nicht erreicht, da traten Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefèbvre mit einem Gewitter in der „Süddeutschen Zeitung“ offiziell aus der Jury aus: „Die Ratsfraktionen des Düsseldorfer Stadtrates haben bekannt gegeben, dass sie die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises 2006 an Peter Handke politisch verhindern wollen. Ein solcher Vorgang ist ungewöhnlich – umso mehr, als die Jury, darunter fünf Stadt-Politiker, zuvor mit Zweidrittelmehrheit (zwölf gegen fünf Stimmen) für Handke gestimmt hatte. Der Beschluss für Handke trägt die Unterschriften sämtlicher Jury-Mitglieder und ist im Faksimile inzwischen medienbekannt.
Ohne Vertraulichkeit ist Jury-Arbeit nicht möglich, Juroren sind daher zur Verschwiegenheit verpflichtet. In krasser Verletzung dieses Prinzips haben sich die meisten Juroren, kaum dass in der Öffentlichkeit erste Kritik an ihrem Votum laut wurde, sofort von einer Entscheidung distanziert, die sie selbst eben erst durch ihre Stimmen demokratisch mit herbeigeführt hatten. Einer Jury, die nicht zu dem steht, was sie selbst beschlossen hat, wollen wir nicht mehr angehören…
Wie nämlich inzwischen deutlich wurde, ist das Düsseldorfer Hysterienspiel nicht bloß ein Dada-Spektakel, dargeboten von den ausgewiesenen Literaturkennern im Stadtrat und in der Landesregierung und verstärkt durch den Chor so prominenter Handke-Exegeten wie Jürgen Rüttgers oder Fritz Kuhn; die Skandalisierung Handkes scheint vielmehr ein willkommener Anlass gewesen zu sein, um intern politische Rechnungen unter alten Feinden zu begleichen. Dass man als Fach-Juror berufen, dann aber für politische Ränkespiele in der Stadt instrumentalisiert wird, ist ein weiterer Grund, um sofort aus der Jury auszutreten.
Man könnte den Wirbel unter Lokalposse abbuchen – wäre da nicht der landesweit inszenierte öffentliche Empörungsschrei gegen Handke. Ein Furor automaticus, der seit zehn Jahren in das immergleiche Reaktionsschema einrastet. Niemand wird Handkes bizarre Aktionen in Sachen Milosevic nachvollziehen oder gar billigen wollen. Auch seine Auffassungen zur Balkanpolitik muss man nicht teilen. Seine dissidenten Ansichten zu den Balkankriegen rechtfertigen aber keinesfalls die blindwütige Aggressivität, mit der hier ein Autor menschlich und politisch isoliert, mundtot gemacht und in seinem Werk beschädigt werden soll.“
Je mehr die Jury-Mitglieder redeten, umso mehr Interpretationen für die Wahl Handkes fanden sich. Die Jury vergebe den Preis in der Praxis mehr und mehr als Literaturauszeichnung, sagte Jurymitglied Stölzl. Er hätte sich gewünscht, so Stölzl, dass der Preis für den „kontroversen Fall Handke“ dem Autor hätte Anlass geben können, seine Position zu klären.
Marit von Ahlefeld, die als Vertreterin der Düsseldorfer Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in der Jury saß, erzählte, dass die Jury zwar mit Diskussionen über die Kür Handkes gerechnet, nicht aber einen solchen „Sturm“ erwartet habe. Eine Falscheinschätzung, bekannte Ahlefeld, die ihre Handke-kritische Haltung betonte.
Die Politikerin befand sich damit auf einer sicheren Seite. Denn ihre Parteikollegen wie auch die Politiker anderer Fraktionen mischten sich massiv in die Debatte ein. So stark, dass schon bald von Zensur die Rede war. „Eine Ablehnung durch den Rat wäre für Erwin ein Fall von Zensur, man würde gegen Regeln verstoßen, die man selbst aufgestellt hat und die gesamte Vergabe des Preises in Frage stellen“, notierte Hans Onkelbach von der „Rheinischen Post“, „der OB meint damit, dass die Jury seinerzeit ausdrücklich als unabhängig eingerichtet wurde“.
Und damit ähnelte die Diskussion dann der im Mai 2006, als die Comédie Francaise in Paris das Handke-Stück „Spiel vom Fragen“ vom Spielplan nahm. Auch damals hatte sich eine Debatte an der Frage entfacht, ob es sich bei dieser Maßnahme um Zensur handelte. Auch im Streit um den Heine-Preis wurde nun die Einmischung der Politik von Kritikern als Zensur bezeichnet.
„Die Entscheidung der Düsseldorfer Kommunalpolitiker passt eher in eine totalitäre Umgebung“, schrieb der Redaktionsleiter des 3Sat-Magazins „Kulturzeit“ in einem Kommentar, „weil es politisch motivierte Zensur ist. Heinrich Heine hätte das auf jeden Fall abgelehnt“.
Für den Kommentator des „Tagesspiegel“, Marius Meller, verwechselte Jury-Mitglied Sigrid Löffler „das Nicht-Zuerkennen einer literarischen Ehrung mit Zensur, die bei uns verfassungsmäßig eben nicht stattfindet. Jeder kann bei uns sagen, dichten, delirieren, was er will, solange er nicht den juristischen Tatbestand der ‚Volksverhetzung’ erfüllt“.
War es Zensur oder nicht, was da mit Handke in Düsseldorf gemacht wurde? „Niemand will den Schriftsteller Peter Handke ächten, seine Stücke sollen gespielt, seine Bücher sollen gedruckt und diskutiert werden“, urteilte Hubert Spiegel. Universitäts-Rektor Labisch gab – wie in vielen anderen Fragen dieser Debatte auch – zwar in der heißen Phase keine Antwort, aber er erinnerte ein paar Wochen zu spät daran, dass „Heinrich Heine als Dichter, Feuilletonist und Kritiker gegen zwei Gegner kämpfte: gegen die Zensur in Deutschland und gegen seine Schicksalsgenossen in der Emigration in Paris. Gegenüber der Zensur vornehmlich in Preussen musste er seine radikaldemokratischen Botschaften so verbergen, dass sie trotzdem zumindest in Teilen gedruckt wurden.“
War es Zensur?
Ja, es war Zensur. Es gibt eben unterschiedliche Spielarten von Zensur. In Düsseldorf wurde nicht Handke zensiert, sondern die Jury des Heine-Preises, deren Mitgliedern man sogar in der Satzung schwarz auf weiß mit auf den Weg gegeben hatte, dass ihre Entscheidung unabhängig und endgültig sei. So ein Verhalten nennt man im Volksmund einen Wortbruch, juristisch interpretiert wäre das gar ein Vertragsbruch. Politisch ist es Zensur.
Es ist Zensur, wenn das Votum einer Jury, die auf der Grundlage einer vom Gemeinderat verabschiedeten Satzung auf Basis der Gemeindeverfassung arbeitet, in politischen Wortgefechten niedergemetzelt und ebenfalls die in der Satzung verbriefte, zwingend auszuführende Ehrung einfach nicht ausgeführt wird. Dieses Vorgehen scharf zu kritisieren und die anstehenden Frage und Probleme zu diskutieren, hat nichts mit dem Fall „Handke“ zu tun, sondern mit der Grundeinstellung aller Beteiligten zu unserer Demokratie und demokratischen Verfahren und dem Zusammenspiel von parlamentarischer oder öffentlich-rechtlicher Gremien. Das Düsseldorfer Handke-Gemetzel zeigte leider nur allzu deutlich, wie Machtinteressen auch gegen Recht und Gesetz in einer Satzung durchgesetzt werden, wenn nur die öffentliche Meinung mitspielt.
Die Unabhängigkeit ihrer Entscheidung wurde den Jury-Mitgliedern vor allem von den Politikern mit größter Brutalität strittig gemacht. Das Votum für den Preisträger Handke wurde allein schon dadurch gekillt, dass sich die Politiker sehr schnell dem öffentlichen Druck beugten und für sich das Recht beanspruchten die letzte Instanz in der Frage des Preisträgers zu sein.
Die Jury wurde zensiert, indem die Politiker unmissverständlich ankündigten, sie würden den Richterspruch der Jury in einer Ratssitzung kippen – eine fatale Mehrheit gegen gutes Recht, das sich aus der Satzung des Heine-Preises ergibt. Woraufhin die Jury schwieg und sich feige aus der Verantwortung stahl. Vielleicht war sie aber auch nur zu faul, sich auf eine weitere Diskussion einzulassen, wo man doch schon vorher zu faul oder auch nur zu leichtfertig gewesen war, sich ordentlich mit Werk und Leben und Handeln Handkes zu befassen. Wäre das geschehen, wäre Düsseldorf und den Akteuren vielleicht die Schande erspart geblieben, weil man vielleicht einen passenden Preisträger gefunden hätte.
Da fand die Zensur statt. Die Jury wurde zensiert – und streckte kampflos die Waffen. Als die Politiker in Düsseldorf darüber diskutierten, die Entscheidung der Jury durch den Rat der Stadt zu kippen, empfand das zunächst sogar der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin, selbst Jury-Mitglied, als Zensur. In Düsseldorf haben die Politiker sogar ihren eigenen Oberbürgermeister radikal zensiert – ein Spitzenpolitiker mit weniger Stehvermögen als Erwin würde bei einem solchen Verhalten von politischen Gegnern wie Parteifreunden über seinen Rücktritt nachdenken.
Einer der Jury-Mitglieder, die sich dieser Zensur nicht nur beugten, sondern aus Sicht der „Süddeutschen Zeitung“ sogar darauf spekulierten, dass der Düsseldorfer Stadtrat die Entscheidung der Jury ablehnt, war ein Politiker. Christoph Stölzl, CDU-Mitglied, ehemaliger Kultursenator in Berlin und Vizepräsident im Abgeordnetenhaus der Hauptstadt. Er sagte der „Deutschen Presse Agentur“, dass es „demokratisch völlig legitim“ sei, dass der Stadtrat über die Preisvergabe entscheidet. Zwar bedauere er die Absicht der Fraktionen, die Ehrung Handkes scheitern zu lassen. Das Problem liege aber in der starken Orientierung der politischen Vertreter am Wortlaut der hochmoralischen, politisches Handeln prämierenden Preisbestimmungen.
Nichts gegen den Eingriff der Politik in die Entscheidung der unabhängigen Jury einzuwenden, hatte ausgerechnet auch das Jury-Mitglied, das bei der Abstimmung durch Abwesenheit geglänzt hatte. Der nordrhein-westfälische Kultur-Staatssekretär Heinrich Grosse-Brockhoff verteidigte seine Kollegen in der Politik: Das sei ihr gutes Recht. Außerdem könne von einer Aberkennung noch nicht die Rede sein, da der Preis vom Rat der Stadt noch nicht anerkannt worden sei.
Wer den Ablauf eines Verfahrens wie die Wahl des Heine-Preisträgers so genau und wortwörtlich nimmt, sollte allerdings die Satzung dazu gelesen haben, denn die enthält nicht eine Zeile davon, dass ein Rat den Spruch der Jury anerkennen muss. Aber Politiker wie Grosse-Brockhoff nehmen nur das ganz genau, was ihnen in die politischen Konzepte passt und ihr politisches Überleben sichert – über die Wahrheit schlabbern sie da ganz gerne einmal hinweg.
So geschmeidig winden sich nur Politiker aus einer verlorenen Schlacht. Andere Jury-Mitglieder taten sich mit einer Begründung, warum sie die Zensur akzeptierten, schwerer. Als Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefèbvre unter Protest aus der Jury austraten, bezeichnet Mitjuror Julius H. Schoeps das als eine konsequente Entscheidung. Man könne nicht akzeptieren, dass die Entscheidung einer Jury, von politischen Instanzen gekippt wird. Löffler und Lefèbvre zeigen jedenfalls in der Frage der Zensur Standvermögen: „Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren beruft und sie dann politisch desavouiert, können wir nicht mehr zur Verfügung stehen.“
Welch eine wunderbare Diskussion so ganz im Sinne Heines hätte entstehen können, wenn sich die Jury-Mitglieder geschlossen gegen die Einmischungen der Politiker und ihre Versuche, die Entscheidung des Heine-Preis-Gremiums zu boykottieren und zu zensieren, gewehrt hätten. Wenn sie den Streit mit den Politikern aufgenommen, inhaltlich diskutiert hätten. Wenn sie die Politiker in ihre Schranken gewiesen und auf ihre Rechte, die sich aus der Satzung des Heine-Preises ergeben, hingewiesen hätten. Wenn jedes Jury-Mitglied seine Gründe mitgeteilt hätte, warum man oder frau für oder gegen Handke entschieden hatte, welche Werke Handkes sie gelesen, von welchen Gedanken sie begeistert, welche sie abgelehnt hatten, wo sie wirklich Handkes Position im Serbien-Streit sehen, wie sie sich mit dem „Umstrittenen“ in des Dichters Werk und Wirken beschäftigt und bei der Suche nach Wahrheit gerungen haben.
Doch leider bewegte sich die Diskussion meist auf Häppchen- und Diplomaten-Niveau. Etwa so wie sich der Leiter des Heine-Instituts, Joseph A. Kruse, nach Feststellung der „Süddeutschen Zeitung“ zwiegespalten zeigte: „Der hoch geschätzte Autor Handke habe sich zunehmend ‚verrannt’. Trotzdem könne es kontraproduktiv sein, wenn Handke ‚wie ein Pestkranker’ ausgestoßen werde.“
Welch eine große Literaturdebatte wäre das geworden, wenn die Juroren den Mund nur aufgemacht hätten. Aber konnten sie das überhaupt? Welche Jury-Mitglieder haben sich mit Handkes Initiativen rund um die jugoslawischen Kriege und sein Eintreten für den Serbenführer Slobodan Milosevic befasst? Die meisten haben wie Stimmvieh die Hand gehoben im Vertrauen auf den Sachverstand ihrer so genannten Experten. Nicht alle kannten Handkes Serbien-Bücher. Wie hätten sie in aller Öffentlichkeit diskutieren sollen?
Das wussten auch die Politiker, deren Kollegen ja selbst mit in der Jury saßen, als sie die Jury-Entscheidung im Handstreich kippten. Die Juroren suchten im Schweigen und Verstecken ihr Heil, weil sie den Politikern nichts entgegenzusetzen hatten. Keine Argumente. Kein Wissen. Keine Kraft der Worte. Die meisten Jury-Mitglieder wollten nicht einmal wissen, was da mit ihnen passierte. Dabei war es ganz einfach zu benennen: Zensur.
(Ende des 2. Kapitels aus dem Sachbuch „Der Handke-Skandal“. Fortsetzung mit Kapitel ? am Samstag, 6. Juni 2026)
Fragen ohne Antwort an Düsseldorfs Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller
Anfang Mai 2026 habe ich den Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller einige Fragen zum Handke-Heine-Preis-Skandal geschickt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten. Die Fragen:
- Ist der Dichter Peter Handke Preisträger des Heine-Preises 2006 – oder nicht?
- Sollte die Stadtverwaltung oder der Stadtrat von Düsseldorf nach 20 Jahren nicht eine klare Lösung für diese Frage finden? Bislang hat sich ja noch kein städtisches Gremium, weder Rat der Stadt noch der Kulturausschuss, mit der Frage befasst, ob Peter Handke Heinrich-Heine-Preisträger ist oder nicht.
- Warum ist die Information über den Heine-Preis auf der Website duesseldorf.de so begrenzt? Dort finden sich nicht einmal die Namen der bisherigen Preisträger*innen, die nicht nur den Preis selbst, sondern auch das Kulturleben in der Landeshauptstadt „schmücken“ würden.
- Hat die Stadtverwaltung eventuell wegen der ungeklärten Frage der Preisträgerschaft von Peter Handke auf eine Aufzählung der Preisträger verzichtet?
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Foto Buch Der Handke-Skandal: Jamin
Fotoporträt Jamin: Fyeo

