Einer ziemlich billigen Form der Stimmungsmache bediente sich in diesen Tagen der Schriftsteller Hasnain Kazim. Er schrieb auf Facebook:
„Welch Wunder … Dass die Linkspartei sich von diesem Typen distanziert, indem sie behauptet, die Wahlparty sei eine öffentliche Veranstaltung und jeder könne kommen, mag ja stimmen. Nur fragt sich natürlich, warum dieser Typ ausgerechnet zur Linkspartei kommt.“
Was genau soll dieser letzte Satz? Er ist keine Frage, die nach Aufklärung sucht. Er ist eine Andeutung. Und Andeutungen sind das Lieblingswerkzeug jener, die etwas in den Raum stellen wollen, ohne es beweisen zu müssen.

Unterschwellig wird suggeriert: Da müsse doch eine Verbindung sein – zwischen dem Remmo-Clan, muslimischem Milieu und der Berliner Linken. Der Satz liefert keinen Beleg. Keine Einladung. Kein Foto einer Absprache. Keine gemeinsame politische Veranstaltung. Kein Geldfluss. Keine persönliche Beziehung. Er lässt aber genau den Verdacht zurück, den er zuvor nicht belegen konnte.
Polemik wie bei der AfD?
So funktioniert Verunsicherung. Man behauptet nicht. Man fragt „nur“. Und schon bleibt beim Leser hängen, dass es wohl irgendetwas geben müsse.
Bereits in der Wahlnacht polemisierten AfD-Anhänger über eine angebliche Verbindung zwischen der Berliner Linken und dem Remmo-Clan. Das war erwartbar. Die AfD lebt seit Jahren davon, aus Herkunft, Namen, Religion und Kriminalität eine große, bedrohliche Erzählung zu bauen. Aus einem einzelnen Mann wird dann schnell ein „Clan“. Aus dem Clan ein „muslimisches Milieu“. Und aus einem unangekündigten Besuch bei einer frei zugänglichen Wahlparty wird eine politische Verbindung.
Erstaunlicher ist, wie bereitwillig Teile der sonst seriösen Medien diese Dramaturgie übernahmen. Der Tagesspiegel machte daraus sogar eine Überschrift: „Clan-Chef Issa Remmo bei Wahlpartys der Linken in Berlin“. Das klingt nach einer Geschichte, die mehr weiß als sie sagt. Es klingt nach Nähe, nach Einladung, nach politischer Gemeinschaft. Tatsächlich war die Lage erheblich unspektakulärer.

Nach übereinstimmenden Berichten erschien Issa Remmo am Wahlabend bei einer Wahlparty der Linken in Berlin-Neukölln. Er wurde außerdem im Umfeld der Landes-Wahlparty im Festsaal Kreuzberg gesehen. Das ist die Tatsache. Mehr ist dadurch zunächst nicht bewiesen.
Die Linke erklärt, Remmo sei weder eingeladen noch auf einer Anmeldeliste gewesen. Die Veranstaltungen seien öffentlich zugänglich gewesen. Der Neuköllner Bezirksverband betont ausdrücklich, es gebe keinerlei politische oder persönliche Beziehungen zu ihm. Und die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte zudem, Remmo sei in Kreuzberg abgewiesen beziehungsweise wieder hinausgeschickt worden.
Daraus folgt eine einfache, nüchterne Wahrheit: Issa Remmo war offenbar anwesend und ließ sich im Umfeld der Feier sehen. Es gibt aber nach allem, was bislang bekannt ist, keinen Beleg dafür, dass er ein eingeladener Gast war, dass er „mit der Linken feierte“ oder dass es zwischen ihm und der Partei irgendeine Absprache gab.
Man kann die Linke kritisieren. Man kann fragen, ob ihre Wahlpartys gut organisiert und ausreichend geschützt waren. Man kann auch darüber diskutieren, warum eine Person wie Issa Remmo gerade dort auftaucht. Aber wer diese Frage mit einem politischen Verdacht auflädt, ohne auch nur einen belastbaren Hinweis auf eine Verbindung zu liefern, betreibt nicht Aufklärung. Er produziert Nebel.
Aus einem Foto wird Freundschaft
Das Problem liegt nicht darin, dass über Remmo berichtet wird. Selbstverständlich muss darüber berichtet werden, wenn eine bekannte Figur aus dem Clan-Milieu auf einer Wahlparty auftaucht. Das Problem beginnt dort, wo aus Anwesenheit Nähe gemacht wird. Wo aus einem Foto eine Freundschaft wird. Wo aus einer offenen Tür plötzlich eine heimliche Einladung wird.
Das ist die Logik des Populismus: Erst wird eine Vermutung in die Welt gesetzt. Dann wird sie tausendfach weitergereicht. Am Ende fragen sich viele Menschen, ob an der Sache nicht doch etwas dran sein müsse. Schließlich hätten „die Medien“ doch darüber berichtet.
Aber Journalismus sollte gerade nicht die Kunst sein, Gerüchte elegant zu verpacken. Er sollte unterscheiden: zwischen Beobachtung und Behauptung, zwischen Verdacht und Beleg, zwischen einer Schlagzeile, die Klicks bringt, und einer Wahrheit, die vielleicht weniger aufregend ist.
Wenn selbst bislang vertrauenswürdige Publizisten wie Hasnain Kazim und bislang seriöse Medien wie der Tagesspiegel mit solchen verkürzten, aufgeladenen Bildern arbeiten, wird es schwierig. Dann wird nicht nur die Linke beschädigt. Dann wird das beschädigt, worauf Öffentlichkeit angewiesen ist: die Fähigkeit, noch zu unterscheiden, was tatsächlich passiert ist – und was bloß so klingen soll, als sei es passiert.
Deutschlands Publizistik wird beschädigt
Wem soll man dann noch glauben?
Vielleicht zunächst einmal jenen, die eine Behauptung nicht nur andeuten, sondern auch belegen können.
QuellenFotos Screenshots aus Facebook: Jamin

