Im Mai vor 20 Jahren – und in den Monaten danach – erschütterte ein Riesenskandal die literarische Welt: Eine Jury der Stadt Düsseldorf hatte dem Dichter Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis und das damit verbundene Preisgeld von 50.000 € zugesprochen.
Doch der Preis wurde dem Dichter bis heute nicht überreicht. Ich habe damals, 2006, darüber ein polemisch-unterhaltsames Buch veröffentlicht: „Der Handke-Skandal – wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte.“ Jeden Samstag veröffentliche ich daraus – ohne Bezahlschranke – ein weiteres Kapitel.
Buch-Abdruck: Kapitel 10
Ist Peter Handke des Heine-Preises würdig?
Nein. Aber Düsseldorf ist es auch nicht.
Die Organisatoren und die Jury des Heine-Preises versagten, die Politiker gingen selbstherrlich mit der Entscheidung der Jury um, und die drei Heine-Institutionen in der Stadt – Universität, Institut und Gesellschaft – scheiterten in der Debatte an ihren eigenen Ansprüchen. Das ist keine Basis für eine ordentliche Abwicklung des Heine-Preises in der Zukunft.
Allesamt haben sie sich Heines nicht würdig erwiesen. Möglicherweise hat ja der Germanist und „Merkur“-Herausgeber Karl Heinz Bohrer nicht nur die Jury-Mitglieder, sondern auch all die anderen Heine-Verwalter in Düsseldorf gemeint, als er in der „Rheinischen Post“, noch bevor er zu seiner Vorlesung „Poetik, Politik, Presse“ an die Universität Düsseldorf reiste, sehr betont feststellte: „Ich glaube nicht, dass die Leute, die in Düsseldorf Heine verwalten, irgendeine Ahnung von Heine haben. Das glaube ich nicht.“
Zu fragen ist auch: Welche unabhängigen, ehrenwerten Persönlichkeiten möchten denn wohl noch die Nachfolge von Juroren antreten, die sich dermaßen blamiert haben? Welche Persönlichkeiten könnten es noch als Ehre empfinden, einen Heine-Preis von Institutionen in Empfang zu nehmen, die so wenig nach Heine leben? Welche aufrichtigen Politiker wollen sich in Düsseldorf noch guten Gewissens für einen Heine-Preis 2008 stark machen, wenn der Rat der Stadt die Satzung erst einmal Zensur-kompatibel umgebaut hat?
Dass genau das geschehen soll, haben Politiker wie die Düsseldorfer Grüne Karin Trepke ja schon angekündigt. Sie wollen „miteinander über eine mögliche Änderung oder Klarstellung der Satzung zum Heine-Preis sprechen“. Und auch Jury-Mitglied und CDU-Fraktionschef Dirk Elbers kündigte an, man brauche dringend eine Satzungsänderung und müsse entscheiden, wie die Jury künftig zusammengesetzt sein soll.

Zur Zukunft des Preises mischte sich auch der ehemalige Kultusminister unter der Regierung Schröder und Philosoph Julian Nida-Rümelin ein: „ Jurys sollten immer reine Fachjurys sein unter der Leitung des jeweiligen Ministers oder Dezernenten, ohne die übliche Beteiligung der Stadträte.“ Auch sollten diese Entscheidungen der Jurys nur Empfehlungen an die kulturpolitisch Verantwortlichen sein. Listenvorschläge seien sinnvoll: Erstplatziert, zweitplaziert, etcetera.
„Da die Jurys wissen, dass sie keine Entscheidungen treffen, sondern einen Vorschlag erarbeiten“, meint Nida-Rümelin, „wäre eine politisch wohlbegründete Abweichung dann auch kein casus belli mehr, kein Grund zum Krieg zwischen Staat und Kunst“.
Da kann man anderer Meinung sein. Düsseldorf muss erst einmal die Scherben zusammenkehren, und dazu gehört viel Zivilcourage: Es gilt aufzuräumen mit dem unanständigen Einfluss der Politik auf den Preis. Auch haben Politiker, die sich mit Heine und der Literatur nicht auskennen und nicht bereit sind, sich mit dem Werk und Leben möglicher Preisträger intensiv auseinanderzusetzen, nichts in der Jury zu suchen. Herzustellen ist auch eine echte Unabhängigkeit der Jury, die nicht nur auf dem Papier in der Satzung steht, sondern auch gelebt und vor allem von Politik und Stadtverwaltung in Düsseldorf akzeptiert wird. Eine Jury-Entscheidung muss nicht nur juristisch, sondern auch moralisch unantastbar sein.
„Vielleicht ist es nicht gut, wenn einige Jury-Mitglieder so viele Jahre lang in dieser Jury sitzen“, merkte die Düsseldorfer Schriftstellerin Ingrid Bachér an, „auch besteht die Jury aus zu vielen Mitgliedern. Drei von der literarischen Zunft und drei von der politischen würden reichen, wenn es öfters einen Wechsel gäbe. Vor allem ist zu hoffen, dass der Rat sich entscheiden möge, den Preis wie er ist zu belassen. Die Ausschreibung fordert literarische Größe und politischen Anstand, dies ist einmalig und Heine gemäß.“
Die Politikern sollten das gehaltvolle Diskutieren, die Gelehrten das ausgewogene, mutige Reagieren und die Institutionen das objektive Informieren lernen, bevor sie sich wieder anschicken, sich und einen Auszuzeichnenden mit einem Heine-Preis zu schmücken.
Erst dann darf Düsseldorf die Welt wieder mit einem Heine-Preis beehren, der 2006 durch die Inkompetenz so vieler Beteiligter zu einer Showvorlage für den Karneval verkam – die Narren vom Rhein werden das in ihrem Rosenmontagsumzug sicherlich zu würdigen wissen.
Die Verleihung des Heine-Literaturpreises an Peter Handke musste scheitern, und die Ehrung eines nächsten Kandidaten wird wieder scheitern, wenn man einen Preisträger wählt, dessen Kompabilität zu Heine nur auf den ersten Blick zu erkennen ist, nicht aber in der Tiefe des Werkes und seines Handels.
Das Heine-Preis-Komitee war bisher darauf bedacht, ehrenwerte und geachtete, aber politisch unverfängliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens herauszustellen. Manche zeigten sicherlich Ecken und Kanten, aber in ihrer Mehrheit repräsentierten sie politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Einfluss, waren unumstritten als Leitfiguren in unserer Kultur-Gesellschaft anerkannt und etabliert. Von Heinrich Heine selbst hätte man das nicht behaupten können, – und auch der Peter Handke der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts passt nicht in diesen Rahmen.
Die bisher mit dem Heine-Preis Geehrten sind Teil kulturellen Mainstreams. Sie passen perfekt zu den Interessen der lokalen Parteipolitiker, der Ministerialen der Landeskultur und der öffentlich geförderten Kulturverwalter, -manager und -förderer. Man konnte aller Welt zeigen, wie gerne die großen Prominenten die Stadt Düsseldorf und seine Repräsentanten haben.
Geehrt wurden weder Revolutionäre noch große Querköpfe. Die Liste der Heine-Preisträger führt gut situierte, an- und eingepasste Mitglieder unserer Kultur-Gesellschaft und Vertreter eines gesellschaftlich akzeptierten, stilvollen Diskurs auf: Carl Zuckmayer (1972), Pierre Berteaux (1975), Sebastian Haffner (1978), Walter Jens (1981), Carl Friedrich von Weizsäcker (1983), Günter Kunert (1985), Marion Gräfin Dönhoff (1988), Max Frisch (1989), Richard von Weizsäcker (1991), Wolf Biermann (1993), Wladyslaw Bartoszewski (1996), Hans Magnus Enzensberger (1998), W.G. Max Sebald (2000), Elfriede Jelinek (2002) und Robert Gernhardt (2004).
Die Geehrten passen gut zur rheinischen Literaturgesellschaft in Düsseldorf, die in ihren Räumen gern unter sich ist und gern einmal Hof hält im Kreis von Berühmtheiten. Die Besuche von in solcher Weise Geehrten an der Kö waren alle paar Jahre Glanzlichter in einer wenig glanzvollen literarischen Welt, deren Höhepunkte einmal im Jahr eine Bücherramschveranstaltung an der „Kö“ und die Erinnerung daran sind, dass auch Günter Grass und Dieter Forte und Gottfried Benn und Peter Handke für einige Zeit in der Stadt gelebt haben.
Der Heine-Preis 2006 ist ein schweres Erbe – für die Kultur in Düsseldorf und die Kultur der Kultur-Gesellschaft. Der Streit beleuchtet grell, in welchem Maße die geistige Elite der Stadt versagt hat. Weil Düsseldorfs Intellektuelle nur selten kritisch sind, macht die Politik, was sie will, und die Intellektuellen machen sich überflüssig.
Ende der Debatte…
(Ende des 10. Kapitels aus dem Sachbuch „Der Handke-Skandal“. Fortsetzung mit Schlußkapitel 11 am Samstag, 15. August 2026)
Die Antwort von Düsseldorfs Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller auf meine Fragen
Anfang Mai 2026 habe ich den Düsseldorfer Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller einige Fragen zum Handke-Heine-Preis-Skandal geschickt. Am 17. Juli 2026 erhielt ich eine Antwort eines Sprechers der Stadtverwaltung.
Meine Fragen an OB Keller:
- Ist der Dichter Peter Handke Preisträger des Heine-Preises 2006 – oder nicht?
- Sollte die Stadtverwaltung oder der Stadtrat von Düsseldorf nach 20 Jahren nicht eine klare Lösung für diese Frage finden? Bislang hat sich ja noch kein städtisches Gremium, weder Rat der Stadt noch der Kulturausschuss, mit der Frage befasst, ob Peter Handke Heinrich-Heine-Preisträger ist oder nicht.
- Warum ist die Information über den Heine-Preis auf der Website duesseldorf.de so begrenzt? Dort finden sich nicht einmal die Namen der bisherigen Preisträger*innen, die nicht nur den Preis selbst, sondern auch das Kulturleben in der Landeshauptstadt „schmücken“ würden.
- Hat die Stadtverwaltung eventuell wegen der ungeklärten Frage der Preisträgerschaft von Peter Handke auf eine Aufzählung der Preisträger verzichtet?
Die Antwort der Stadtverwaltung:
„Das Preisgericht des Heinrich-Heine-Preises hat am 20. Mai 2006 den Schriftsteller Peter Handke für den Heinrich-Heine-Preis ausgewählt. Die Entscheidung wurde seinerzeit öffentlich bekannt gegeben und löste eine intensive und bundesweit geführte Debatte aus. Gegenstand der Diskussion waren insbesondere Äußerungen und Positionierungen Peter Handkes im Zusammenhang mit den Balkankriegen.
Im weiteren Verlauf des Verfahrens kam es zu einem Briefwechsel zwischen Peter Handke und dem damaligen Oberbürgermeister Joachim Erwin. Der vorgesehene weitere Verfahrensgang wurde anschließend nicht fortgeführt. Der Rat der Landeshaupttadt Düsseldorf befasste sich anschließend nicht mehr mit der Preisverleihung. Eine Verleihung des Heine-Preises fand im Jahr 2006 nicht statt.
Die Landeshauptstadt Düsseldorf führt Peter Handke zudem nicht in den Übersichten der bisherigen Trägerinnen und Träger des Heinrich-Heine-Preises. Dies gilt sowohl für entsprechende Zusammenstellungen des Presseamtes als auch für die Darstellung auf den Webseiten der Landeshauptstadt Düsseldorf zum Heine-Preis.
Die Landeshauptstadt Düsseldorf verweist hierzu auf die dokumentierten Abläufe des Jahres 2006. Darüber hinaus wird auf die bestehenden Veröffentlichungen und Darstellungen zum Heinrich-Heine-Preis Bezug genommen.
Zu Ihrer Frage, ob die Stadtverwaltung oder der Rat der Stadt Düsseldorf nachträglich eine Entscheidung zur Klärung der Frage der Preisträgerschaft treffen sollten, ist festzustellen, dass hierzu derzeit weder ein politischer Auftrag noch ein entsprechendes Verfahren vorliegt.

Hinsichtlich der Darstellung des Heinrich-Heine-Preises auf den Webseiten der Landeshauptstadt Düsseldorf weisen wir darauf hin, dass die dortigen Informationen in erster Linie der allgemeinen Information über den Preis, seine Geschichte und seine Satzungsgrundlagen dienen. Die Inhalte werden regelmäßig überprüft und bei Bedarf fortgeschrieben. Ein Zusammenhang zwischen dem Umfang der Darstellung und den Ereignissen des Jahres 2006 besteht nicht.“
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Foto Buch Der Handke-Skandal: Jamin
Fotoporträt Jamin: Fyeo

